Tag 1 – Kalte Gischt

Das warme Sonnenlicht kroch über das matt polierte Chrom meiner Waffe. Ich hob das Scharfschützengewehr langsam an und blickte durchdas Visier zur gegenüberliegenden Seite des Huangpu.
Es war der erste Septembertag des Jahres 2044 und trotz der eher ungewöhnlichen Spätsommerhitze fühlte ich mich vollkommen präsent. Ich ging hinter der flachen Mauer in die Hocke, schob das Gewehr auf meiner Schulter zurecht und suchte eine feste und gleichzeitig entspannte Position, dann sondierte ich die Uferterrasse des Crystal Square Hotels auf der anderen Seite des braunen Flusses. Die Wimpel der weißen Zelte bewegten sich sanft im leichten Wind, der über das Wasser strich und mit den Wellenkämmen spielte.
Das Garten-Diner am Fluss hatte um vierzehn Uhr dreißig begonnen und markierte gewissermaßen den inoffiziellen Teil einer dieser unsäglichen Konferenzen zum Heil der Welt, die nur Fensterreden und Spesen produzierten – und auch diese Zusammenkunft würde nicht anders sein.
In ihrer Beschaffenheit passte sie perfekt in die große Lüge der modernen Welt. Die eigentlich wichtigen Dinge und zudem eine Reihe zweifelhafter Geschäfte wurden hier bei einem Sekt und einem Kaviar-Kanapee besprochen, und wenn die Pause dann zu Ende war, wurden abermals rhetorisch ausgetüftelte Reden über die Notwendigkeit von Frieden und Gerechtigkeit dargeboten, während der elitäre Mob höflich applaudierte, insgeheim gelangweilt über die x-te leere Wiederholung eines Themas, das den meisten in Wahrheit egal war.
Mich überkam der garstige Gedanke, dass blutig spritzende Hirnmasse bestimmt nicht zum Buffetplan passte.
Ich hasste diese Leute, und ich hasste ihre Konferenzen, bei denen pedantisch um die Tatsachen und Lösungen herumgeredet wurde. Die wenigsten der dort Anwesenden wussten tatsächlich, wie schlimm es außerhalb der Global Civilized Association, der GCA, zuging, aber solange man fürs Reden gut bezahlt wurde … wieso sollte man es dann nicht tun und sich stattdessen Gedanken um eine unangenehme Wahrheit machen? Falls diese Menschen es wussten, schwiegen sie und verdrängten, was ein menschliches Herz und der Verstand kaum fassen konnten. Doch eine kleine Gruppe wusste es nicht nur, nein, sie schlug hemmungslos Profit aus dem Elend der Leidenden außerhalb der GCA, dem Teil der Welt, den besonders böse Zungen TFR, the fuckin’ rest, nannten.
Einer von ihnen war Chester Mac Donnal. Sein Kopf bewegte sich langsam im Zentrum der Visierlinien.
Davon zumindest ahnte dort unten niemand etwas, und bestimmt gab es gutes Essen – im Augenblick noch ohne Gehirn-Beilage.
Ein bitterer Geschmack stieg in meiner Speiseröhre empor.
Denkst du an die Kinder? Nein! Der Champagner schmeckt zu
gut, nicht wahr? Gleich werden sich die Bläschen darin rot färben.
Dieser verfluchte Mörder!
Ich beobachtete ihn einige Momente durch das Visier des Gewehrs; sah ihn lachen; blickte in einen Ausschnitt dieser scheinbar intakten Welt mit ihren angeblichen Helden und Wohltätern.
Alle dort auf der Terrasse waren derart überzeugt von der Richtigkeit ihres Handelns.
Ein schmerzliches Lachen hallte durch meinen Schädel, doch es erreichte meine Lippen nicht, denn ich konnte mich des Grolls
kaum erwehren, der mich beim Anblick dieser beiläufigen Heuchelei packte. Im Grunde war all das nichts Neues, es wurde nur noch mehr darüber geschwiegen als die Jahrzehnte zuvor. Ich
hatte zwar keine Ahnung, weshalb, aber die Menschheit hatte sich im Verlauf der kulturellen, sozialen und ökonomischen Entwicklung der vergangenen Jahrtausende an diesen garstigen Punkt ma-
növriert.
Mochte ja sein, dass das Leben in der gut beschützten und wirtschaftlich abgeschotteten GCA bequem war, doch ich persönlich hatte beschlossen, den Zustand unserer Welt nicht länger hinzunehmen.
Ich fixierte Chester Mac Donnals Schläfe mit dem Sucher.
Der Laserstrahl war ausgeschaltet, das Visierglas entspiegelt.
Unglaublich, wie manche Scharfschützen bei diesen Details immer wieder derart nachlässig sein konnten. War man nicht im Stande, ohne Laser zu treffen, sollte man sich lieber ernsthaft die
Frage stellen, ob man den richtigen Beruf gewählt hatte.
Behutsam drückte ich das leichte Vollautomatikgewehr fester an meine Wange. Der Wind flaute ab, was wichtig für eine gerade Schussbahn über eine solche Distanz war. Bei allem, was mir heilig war, ich hatte nur diesen einen Schuss, und ich würde ihn nicht umsonst so lange vorbereitet haben.
Ob Chester Mac Donnal hin und wieder an den Brief dachte, den er gestern vor einem Jahr bekommen hatte? Vermutlich nicht, dazu war er viel zu gelassen; stand da und unterhielt sich mit dem indischen Botschafter, als sei er tatsächlich einer der größten Wohltäter dieser Welt.
Glaubst du wirklich, deine schwarz gekleideten Sonnenbrillenträger könnten dich schützen? Schützen vor der Strafe, welche die Regierung dir nicht auferlegen will, weil sie zu bestechlich und zu selbstgerecht ist?
Bei meinem Leben! Ich musste mich beruhigen, ich war zu emotional diesen Fakten gegenüber. Menschen zu foltern war eine Sache, aber Kinder zu quälen!
Ich atmete mehrere Male tief durch, denn langsam aber stetig begann ich, in meinem dunkelblauen Overall zu schwitzen. Die Sonne brannte gnadenlos auf meine Schultern, und nicht nur auf
dem matt glänzenden Material brachen sich ihre Strahlen. Auch die Wasseroberfläche des Huangpu tief zu den Füßen des Shanghai Convention Centers, auf dessen Dach ich saß und mein Opfer beobachtete, trug Milliarden gleißender und funkelnder Edelsteine.
Sogar der frische Wind, der unten mit den Wellen spielte, vermochte die Hitze nicht zu mildern.
Ich sollte den Auftrag jetzt beenden, ehe ich mir noch einen Sonnenstich zuzog. Das war der Kerl nun wirklich nicht wert. Mit
geschlossenen Augen sammelte ich meine Präsenz, ordnete alle Sinne, jeden einzelnen Gedanken auf den perfekt frisierten, braunen Haarschopf gerichtet.
Augen öffnen, kein Lidschlag, ruhiger Atem. Mein Finger zuckte nicht; niemand anders durfte verletzt werden. Seine Bodyguardsumkreisten ihn unauffällig wie Hunde, und die Hitze arbeitete gegen meine Konzentration.
Sein Hinterkopf war nun exakt in der Mitte der vier Visierlinien.
Ein Schuss, er schnitt durch die Luft wie die Federspitze eines Adlerflügels.
Er hatte den Schirm meines Basecaps zerfetzt und war direkt neben mir eingeschlagen, bemerkte ich, als ich mit einem Satz rückwärts aufsprang und meinen Sucher blitzschnell um dreihundertsechzig Grad schweifen ließ, nur um immer noch vor der Frage zu stehen, wo er hergekommen war. Ich drehte mich in die andere Richtung, suchte panisch nach einem Anzeichen, da rauschte es durch die Luft und traf den harten Boden des Flachdachs hinter mir.
»Waffe auf den Boden und Hände hinter den Kopf! Wenn Sie sich nicht wehren, geschieht Ihnen nichts!« brüllte ein Mann wenige Schritte hinter mir. Er musste von oben gekommen sein, doch
wie? Etwa mit einem Fallschirm? So ein Mist!
Ich ließ das Gewehr auf den flachen Sims sinken; das letzte kurze Stück fiel es.
(…)

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