Tag 5 – Blutgier

Eine zarte Melodie berührte Væils Sinne, liebkoste seinen Geist.
Er fühlte an sich hinab und wurde gewahr, dass er unter einer
wunderbar weichen Decke lag und sein Kopf in einem duftenden
Kissen ruhte. Doch die vollkommene Zufriedenheit des Moments
barst, als er sich daran erinnerte, wo dieses Kissen und diese Decke
hingehörten. Im nächsten Moment schlug der Mísíthaén mit heftig
klopfendem Herzen die Augen auf. Er war nach wie vor in Seben
Igib; er war hier wegen Leqõrado! Wie lange hatte er geschlafen?
Neben sich nahm er jemanden wahr, und er drehte hastig den
Kopf zur Seite, um herauszufinden, wer es war.
Níhníma saß auf einem breiten, braunen Ledersessel neben dem
Bett und lächelte, als sich ihre Blicke trafen.
Wie schön sie ist!, fuhr es Væil durch den Kopf und für einen
Moment sehnte er sich nach ihrer zärtlichen Umarmung, der Berührung
ihrer weichen Haare auf seiner nackten Haut.
Die junge Seherin beugte sich vor und sah ihn mit großen Augen
an. »Und, wie geht es dir?«
»Keinerlei Beschwerden«, erklärte er mit leicht kratziger Stimme
und richtete sich im Bett auf.
»Wie lange habe ich geschlafen?«
Níhníma verfolgte seine Bewegungen mit ihren warmen, braunen
Augen und klärte ihn dann auf: »Es ist kurz nach fünfzehn
Uhr irdischer Zeit. Seit du gestern in die Wanne gestiegen bist,
sind achtzehn Erdstunden vergangen.«
»Was?!« Væil stand binnen eines Lidschlags beinahe senkrecht
im Bett, doch schon war auch Níhníma aufgestanden und griff
nach seinem Handgelenk.
»Hey, beruhige dich. Du warst ziemlich fertig. In deinem Kopf
hat völliges Durcheinander geherrscht. Glaub mir, es war wichtig;
du brauchtest diese lange Auszeit, um dich zu regenerieren.«
»Aber Leqõ …«, protestierte der fassungslose Mísíthaén – jedoch
vergeblich.
Níhníma drängte Væil mit ihrem ernsten Gesichtsausdruck und
der Nähe ihres Körpers zurück, so dass er sich wieder auf dem Bett
niederließ und einen tiefen Atemzug nahm. Ihre Berührungen irritierten
ihn und er wich gekonnt ihrem forschenden Blick aus.
»Okay, alles klar.« Er hob beschwichtigend die Hände. Ein Zeichen,
das nicht nur unter Hådjina verbreitet war.
»Ich mache mir doch nur Sorgen um Leqõ«, erklärte er gefasst
und erkannte eine kleine, verständnisvolle Falte zwischen ihren
dünnen Augenbrauen, als er daraufhin zu Níhníma aufblickte.
»Du solltest essen. Ich habe schon etwas vorbereitet«, erwiderte
sie mit einem gutmütigen Lächeln auf den Lippen. Sein
verdutzter Blick erfreute sie und behände griff sie nach einem
flauschigen, weißen Hausmantel, der neben dem Bett auf einem
Sessel lag, und reichte ihn Væil.
Wieder währte ihr Blick einen Moment länger, als es nötig oder
angemessen gewesen wäre, und Væils Herz machte zwei vehement
erregte Schläge in seiner Brust. Um sich selbst und die
Situation zu beruhigen, fragte er: »Wo bin ich überhaupt? Das
ist doch kein Besucherzimmer.«
In der Tat wirkte der behagliche, gut hundert Quadratmeter große
Raum sehr individuell. Er hatte wie alle Zimmer die Form einer
Wabe, von der sich drei Wände zu einem verglasten Erker nach
draußen wölbten. Das Licht des neuen Tages fiel auf die sanft grün
getönten Steinwände und verfing sich rot leuchtend in den dünnen
Vorhängen, die den Raum in zwei Bereiche teilten. Das rustikale
Holzbett, das trotz seiner offensichtlich handbehauenen Schlichtheit
mit einer Formmatratze aus luralum ausgestattet war, stand
auf einem Podest mit zwei Stufen. Der schillernd goldene Baldachin,
durch dessen nebelartige Feinheit sich filigrane Pflanzenmuster
schlängelten, war zurückgezogen. Rechter Hand stand in dem
Erker ein ebenso robust gezimmerter Holztisch mit Stühlen, auf
denen dicke Kissen lagen.
Der Geschichtsschreiber meinte, derlei Mobiliar auch im Kloster
gesehen zu haben, doch er war zu erregt durch die Tatsache, dass
Níhníma ihn in ihrem Zimmer einquartiert hatte, als dass er darüber
genauer hätte nachdenken können, und ließ seinen Blick stattdessen
in einem Schauer aus Glückseligkeit und Verwirrung weiter
wandern.
Direkt unter einem der Fenster stand ein antiker indischer Diwan,
auf dem und zu dessen Füßen sich bunte Magazine stapelten. Auch
auf einigen Holzborden an den Wänden neben der Tür stapelten
sich Unmengen derartiger Druckerzeugnisse.
Væil erhob sich langsam, doch Níhníma wich nicht wesentlich
zurück, woraufhin sie so dicht voreinander standen, dass er sich
wünschte, er wäre noch sitzengeblieben. Unfähig, sich zu rühren,
beobachtete er die Bewegung ihrer weichen Lippen, als sie ungerührt
sagte: »Es ist mein Zimmer.«
Væil fühlte die Aufregung heiß und kalt in sich emporsteigen.
Eilig hüllte er sich in den weichen Mantel, da er überhaupt nichts
anhatte und sich in der vorherrschenden Situation ohnehin schon
merkwürdig nackt vorkam.
Níhníma und er waren etwa gleich groß, ihre Lippen somit auf
selber Höhe, und Væil begegnete ihrem aufmerksamen Blick, als
er mit dem Zuschnüren des Mantels fertig war und den Kopf wieder
hob. Ihre schimmernden, sanften Augen erinnerte ihn daran,
dass sie eine Seherin war, und dass ihr somit wenig verborgen blieb,
auch wenn sie es nicht darauf anlegte, etwas zu erfahren. Ihre Qi-
Sinne waren mittlerweile zu gut geschult, als dass sie Offenbares
würde übersehen können, selbst wenn sie sich Mühe gab.
»Ist alles in Ordnung bei dir?« wollte sie nach einem Moment
der aufmerksamen Stille wissen, und ihre Stimme klang dabei
so weich, dass es Væil einen Schauer über den Körper jagte. Er
nickte, konnte sich jedoch nicht von der Stelle bewegen.
Er wusste, dass sie aus reiner Höflichkeit fragte, und deshalb
schämte er sich ein wenig, als er nickte und ihre Begegnung somit
um den Tatbestand einer kleinen Notlüge bereicherte.
Doch Níhníma sah es ihm nach, was er an dem Grübchen, das
sich rechts über ihrem schelmischen Schmunzeln zeigte, genau ablesen
konnte.
Mísíthaén spielten und kokettierten, was das Zeug hielt. Aufgrund
ihrer ständigen Verbundenheit untereinander hatte ein feiner, mal
mehr und mal weniger ernstzunehmender Schleiertanz im Umgang
miteinander eingesetzt. Selbstverständlich konnte jeder Mísíthaén,
der in grundlegendem Gėzuma ausgebildet war, Informationen in
seinem Wesen verbergen, so tief, dass sie nicht einmal beim Sex
abrufbar waren, doch in einem Verbund wie einer Familie hielten
sich die meisten eher an die Schleiermethode. Das Wahrnehmen
des Gemütszustandes des Gegenübers folgte den Prinzipien eines
Datenaustauschs. Jeder konnte dabei bestimmen, wie viel er in den
interpsychischen Raum uploaden und ebenso downloaden wollte.
Dennoch hatten Mísíthaén die Datenbestände des anderen immer
im Fokus, ähnlich den verfügbaren Dateien in einem Netzwerk, zumindest,
sobald sie in eine gewisse körperliche Nähe kamen, die
zwischen sieben, elf und sogar bis zu zwanzig Metern variieren
konnte, je nach Präsenz des Wesens, dem sie gegenüberstanden.
Interpsychisches W-Lan hatte Níhníma es scherzhaft genannt, als
sie Væil und Leqõ kennengelernt hatte und aufgrund ihrer Kenntnis
über die Abstammung der beiden gemeint hatte, sie besonders
ausführlich über die Bedingungen informieren zu müssen, die sie
unter den Menschen vorfinden würden.
»Die meisten Hådjina nutzen ihre interpsychische Verbindung
nicht; sie ist verkümmert. Sie haben stattdessen technische Geräte.
Zum Beispiel kleine Sendeanlagen, sogenannte cons, das
steht für connector, oder auch AOPs, durch die Informationen via
Eingabe von Schriftzeichen oder auch Sprache chiffriert werden,
um sie über Frequenzen übermitteln zu können. Sie nutzen das
Kollektive Feld nicht, sondern bedienen sich hierbei ebenfalls
einer technischen Krücke. W-Lan oder Cyberroot, allerdings sind
diese Methoden basierend auf physischen Technologien, und zudem
oft ortsabhängig. Es ist somit anders als unser interpsychisches
W-Lan, bei dem wir das eigene Gehirn als Sender nutzen.«
»Das hört sich nicht sonderlich gesund an«, hatte Leqõrado mit
arg gekräuselten Augenbrauen eingeworfen.
Níhníma hatte die Achseln gezuckt. »Keiner hier in Seben Igib
versteht, warum sie das tun. Die Hådjina sind in vielen Belangen
sehr umständlich.«
Væil ließ sich schmunzelnd tiefer in seine Erinnerungen fallen.
Vor bald zwanzig Jahren, als Leqõrado und er zwei Monate als
Mísíthaén in Tibet gelebt hatten, hatte Væil Níhníma aufgrund ihrer
Zugänglichkeit und ihres Sanftmutes sehr ins Herz geschlossen.
Sie hatte damals soeben ihre Ausbildung zur Seherin und Schreiberin
abgeschlossen, und sie und Væil hatten oft zusammen gesessen
und geübt. Damals jedoch war Noşugs Tochter kaum mehr als eine
kindlich-liebreizende Anfängerin gewesen, und Væil hatte sich
eher wie ein größerer Bruder gefühlt. Doch diese Schwingung
war verflogen und hatte einer tief pulsierenden weiblichen Kraft
in ihrem Wesen Platz gemacht, die ihn nun gänzlich aus der Fassung
brachte.
Ganz wie er hegte Níhníma ein großes Interesse an aktuellen
und geschichtlichen Zusammenhängen – in beiden Welten. Über
Loomâkriah konnte sie sich ausreichend informieren, weil sie
– was die Magazine eindeutig bezeugten – immer noch viel las.
Aber über die Geschichte gil’Haneas und Kipõros hatte sie nur
von den Chõloèn erfahren können, die von dort nach Seben Igib
kamen. In Væil hatte sie zudem noch jemanden gefunden, der
sich als Geschichtsschreiber in der Historie der Zwillinge perfekt
auskannte. Deshalb hatten sie damals vor zwanzig Jahren viel
Zeit miteinander verbracht, und er hatte ihr so viel erzählt und
beigebracht, wie er konnte.
Doch das Glitzern ihrer neugierigen Augen bezog sich jetzt nicht
mehr auf historische Fakten, und Væil musste sich eingestehen,
dass er damit etwas überfordert war.
»Ja, es ist alles gut«, entgegnete er dem zum Trotz und wurde
erst danach ihrer Hand auf seiner Brust gewahr.
Er dachte noch, wie schön sie in ihrem zärtlichen, vorsichtigen
Versuch der Annäherung war, ehe er die Augen schloss und es einfach
geschehen ließ, dass sich ihre Lippen behutsam trafen.
Augenblicklich setzte ein sanfter, innerer Freudentaumel bei ihm
ein und sein Körper begann, sich gegen den Umstand zu wehren,
dass er diesen Morgenmantel trug und dass sie beide vor dem Bett
standen.
Doch er rief sich zur Besinnung und dann zur Achtsamkeit.
Níhníma war jung und daher sollte sie das Tempo bestimmen,
in dem sie sich ihm annähern wollte. Das war ihr Recht und seine
Pflicht als ausgebildete und praktizierende Gėzuma.
Væil drehte sich dennoch der Kopf, und er zog die junge Frau
fester an sich, beendete den Kuss und hielt sie einfach eine Weile
lang in seinen Armen. Schließlich flüsterte er in ihr Ohr: »Ist es
das, was du als Essen vorbereitet hast?«
Níhníma schüttelte kichernd den Kopf, dass ihn ihre Haarspitzen
in der Nase kitzelten.
»Nein, das war eigentlich als Nachtisch gedacht.«
Sie wand sich etwas aus seiner Umarmung und sah ihn an. Eine
dezente Röte stand auf ihren Wangen und ihr ganzes Wesen schien
vor Freude zu vibrieren.
»Komm mit hinüber zum Tisch«, forderte sie ihn schmunzelnd
auf und es schmerzte ihn fast körperlich, sich von ihr zu lösen.
Unter einer Warmhaltehaube stand ein Teller mit einem delikat
riechenden Auflauf und eine Schüssel mit klarer Suppe. Erst als der
verheißungsvolle Duft ihm in die Nase stieg und Væil sich eilig auf
einem der alten Holzstühle niederließ, bemerkte er, welch schrecklichen
Hunger er hatte.
Níhníma griff nach einer dicken Scheibe dunklen Brotes und
setzte sich im Schneidersitz ebenfalls gemütlich hin. Vor ihr stand
ein Schälchen mit halb gegessenem Salat; ein weiteres stand bei
den Flaschen mit dem Fruchtsaft.
Seben Igib sorgte wahrlich gut für seine Leute.
Beide verbrachten zehn Minuten in Stille, in denen Væil einfach
nur dankbar aß. Als er das nagende Hungergefühl in seinem Bauch
weitgehend ausgemerzt hatte, erkundigte er sich: »Gibt es Neuigkeiten
seit gestern?«
Níhníma sah von ihrer Schüssel auf und etwas Dunkles schien
über ihrer Stirn zu liegen, dann erklärte sie: »Liźźana ist tot.«
Die Gabel stoppte auf halbem Weg und Væil klappte vor Schreck
seinen Mund wieder zu. Dann fand er doch zu Worten und stöhnte
verzweifelt: »Das kann doch nicht wahr sein!«
Sein Herz begann zu flattern, denn nun war es offensichtlich und
mit einem Mal greifbar, dass etwas sehr Gefährliches im Gange
war; etwas, das sie womöglich alle bedrohte. Er griff nach dem
Glas mit frisch gepresstem Saft und trank hastig.
»Wisst ihr, wie es passiert ist?« hakte Væil nach, leicht keuchend
vom schnellen Trinken.
»Sie wurde umgebracht – ermordet in ihrer Wohnung, nachdem
sie sich mit Leqõrado in Verbindung gesetzt hatte.«
Níhníma schlug die Augen nieder, und es war ersichtlich, wie
betroffen sie war; nicht nur um des Projektes willen und wegen
der Gefahr, die das in Bezug auf Leqõrado implizierte. Es war
vorrangig wegen der Probandin selbst.
Liźźana, deren Probandinnen-Name Susan Ford lautete, war 1922
als sehr junge Mísíthaén nach Loomâkriah gekommen.
Vor über hundert Jahren war Seben Igib nur die Beobachtungsstation
auf Loomâkriah gewesen und höchst selten kam Besuch aus
einer anderen Dimension, um eine Studie auf der Erde zu machen
oder sich gar einige Jahre hier aufzuhalten.
Liźźanas Erscheinen hatte damals alle völlig aus der Fassung
gebracht, denn sie war nicht angekündigt gewesen, zudem war
ihr gesundheitlicher Zustand äußerst bedenklich gewesen.
Normalerweise wurde jeder Einwanderer oder Reisende vom
Team der Chõm’Zụ-Tore, durch welche er oder sie die Reise antrat,
angekündigt. Doch Liźźana hatte eines Herbstmorgens ohne
einen Hinweis bewusstlos in einem der Becken in den Tiefen von
Lamlamchis Schoß gelegen. Abgemagert und zerzaust wie sie gewesen
war, hatte sie sich dennoch geweigert zu sagen, was passiert
war, und bis heute gab es darüber nur Spekulationen, obwohl Seben
Igib das Team von táltâlaz auf ara’Gat tanåh kontaktiert und
gefragt hatte, was es mit diesem unerwarteten Gast auf sich hatte.
Dort, auf der größten Ipuszin im Mísíth, war man jedoch nur genauso
verwirrt gewesen, und da sich im weiteren Verlauf niemand
mehr auf chõloaischer Seite meldete, der nach Liźźana suchte, und
auch weiter nichts bekannt wurde, was dieses seltsame Verhalten
des Mädchens erklärt hätte, hatten die Sebis ihrem Flehen nachgegeben
und Liźźana erlaubt zu bleiben, da sie offensichtlich auch
keine Gefahr darstellte, sondern einfach nur hilflos und einsam zu
sein schien.
Mit ihren fünfzehn Sonnenkreisen, die etwa einem irdischen
Alter von neun Jahren entsprachen, war sie ein junges Kind gewesen,
wobei sie körperlich natürlich nicht auf dem Stand einer
irdischen Neunjährigen gewesen war, sondern eher auf dem einer
Sechzehn- bis Achtzehnjährigen. Dennoch war sie in beiden
Alterssystemen ausgesprochen jung gewesen, zu jung, um derart
einsam und verwahrlost zu sein, ohne dass dafür ein ersichtlicher
oder wenigstens nachvollziehbarer Grund vorhanden war.
Doch anstatt eine Erklärung abzugeben, hatte sie nur ständig mit
Nachdruck gefordert, man solle sie in ein Programm einsetzen,
das möglichst lange laufen sollte.
Selbstverständlich hatte Yamâja sich widersetzt und versucht, sie
von dieser Idee abzubringen, woraufhin Liźźana aus Tibet geflohen
war und gedroht hatte, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit
zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt war Seben Igibs Netzwerk
noch nicht weit genug ausgebaut gewesen, so dass die Sèbis nicht
die Möglichkeiten gehabt hätten, das zu unterbinden. Um Seben
Igib zu schützen, hatte Yamâja schweren Herzens zugesagt, dem
Mädchen ein dauerhaftes Programm zu schreiben. In diese Entscheidung hatte auch zuletzt der Umstand mit hineingewirkt, dass
die Führerin sich in seltsamer Weise an sich selbst erinnert gefühlt
hatte, war sie doch auch einst eine einsame Wanderin in den Weiten
des Alls gewesen.
Somit war, gewissermaßen ungewollt, die erste Langzeitstudie
entstanden, und eine lange Zeit hatte Ruhe geherrscht.
Seben Igibs zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgenommene
Recherchen über Liźźanas Herkunft hatten auch beim zweiten Mal
nichts ergeben, und daher hatten sich alle mittelschwer verwirrt
damit abgefunden und gehofft, dass die junge Frau mit ihrer Entscheidung
glücklich werden würde.
Viele Jahrzehnte schien dieser Wunsch von den Glücksströmen
begünstigt worden zu sein, doch dann hatte Susan Mitte des letzten
Jahrhunderts einen tragischen Autounfall erlitten, bei dem sie
eine schwere Kopfverletzung davongetragen hatte. Ab jenem Zeitpunkt
begann ihr Programm, außer Kontrolle zu geraten. In den
darauffolgenden Monaten und Jahren hatte sie es geschafft, die
gesamte UFO-Außerirdischen-Thematik der neunzehnhundertfünfziger
Jahre wieder aufzurollen und in den Medien hochzupuschen,
nachdem diese weitestgehend und sehr zur Erleichterung aller davon
Betroffenen zum Erliegen gekommen war.
Zwar wurde Seben Igib darin nicht direkt erwähnt, aber die Gefahr,
dass Liźźana alias Susan nun unkontrolliert die Aufmerksamkeit
in diese Richtung lenkte, war zu groß gewesen. Ein Sonderkommando,
dem auch Noşug damals angehört hatte, hatte Susan
nach Seben Igib bringen müssen, um sie von dem Programm zu
befreien, damit sie nicht weiter außer Kontrolle geriet. Doch in ihrem
Gehirn waren durch den Unfall und die anschließende Fehlmedikation
der Psychiater einige grundlegende Bewusstseinsstrukturen
derart durcheinandergeraten, dass ihr Susan-Programm nicht
mehr von ihrem Geist und ihrer eigentlichen Persönlichkeit zu lösen
gewesen war.
Tage und Nächte hatte Yamâja zu jener Zeit daran gearbeitet,
Liźźana von ihrem Alter Ego zu lösen, doch zum Ende hin war
der Führerin nichts geblieben, als ihre Niederlage zu akzeptieren
und einzusehen, dass auch ihr Grenzen gesetzt waren.
Liźźanas tragische Entwicklung war ein immenser Schock für
alle Beteiligten gewesen, als sie zu jener Zeit das erste Mal hatten
erleben müssen, dass eine vertraute Mísíthaén, eine Gefährtin
aus der Heimat, unwiederbringlich in den Strukturen der irdischen
Systeme verloren ging.
Ganz Seben Igib hatte Liźźana betrauert, als wäre sie gestorben,
obwohl sie am Leben war, jedoch als Hådjina. Zumindest geistig,
denn das Programm war nicht in der Lage, die Konstitution eines
Körpers zu manipulieren. Auf dieser Ebene war Liźźana demnach
immer ein Geschöpf des Mísíth geblieben und hätte ihre
Mitmenschen daher um einige Generationen überleben können.
Deshalb hatte Yamâja ihr Programm so weit ummodelliert, dass
Susan sich seitdem offiziell in der Rolle der Eingeweihten wiederfand
und mit ihrer Existenz an einer Art Schnittstelle lebte.
Unglücklicherweise war sie seit dem Unfall weder ausgeglichen
noch gar so still und duldsam wie in ihren frühen Jahren gewesen,
und Seben Igib hatte ständig ein Auge auf sie haben müssen,
damit sie nicht doch über die Stränge schlug und in einem Anfall
von wahnhaftem Aufklärungszwang der NASA erzählte, dass Außerirdische
eine Forschungsstation neben einem Stargate in Tibet
betrieben.
Ihre eigentliche chõloaische Herkunft war dramatischerweise
im Chaos ihres Geistes erloschen und sie war seitdem ein Mensch,
der wusste, dass er in ein großes Geheimnis eingeweiht war, von
dem jedoch niemand erfahren durfte. Ein Mensch, der anderen
zwar äußerlich glich, aber sich dennoch körperlich sehr von einem
normalen Hådjina unterschied. Schließlich sah Liźźana/Susan
mit über hundert Jahren noch aus wie eine Zwanzigjährige,
da ihre Gene sich natürlich nicht verändert hatten und ihre Zellen
und somit ihr ganzer Körper nach wie vor langlebiger waren als
der eines modernen Menschen. Wenngleich die Lebenserwartung
eines chõloaischen Wesens im Hèymdiat trotzdem geringer war,
weil die Dichte und der kausale Takt der Dimension andere waren;
mal abgesehen von den Umweltbedingungen in Loomâkriah,
die dieser Tage einem langen Leben auch nicht gerade dienlich
waren.
Es hatte immer wieder Jahre gegeben, in denen Susan sich wie
irre und fanatisch an den Machenschaften rund um wilde Verschwörungstheorien
beteiligt hatte. Immer im Wettstreit mit der
herrschenden Elite, immer gegen den Strom, und erst vor ein paar
Jahren war es um ihre Person ruhiger geworden, nachdem sie eine
Fehlgeburt erlitten hatte und aufgrund des schweren Schocks zu
einem etwas ausgeglicheneren Lebensstil gekommen war.
Trotz ihrer Aufwiegelei hatten die Sebis Liźźana ins Herz geschlossen,
und das Erlöschen ihres Energiepunktes auf der holographischen
Übersichtskarte im großen Büro vor einigen Stunden
hatte alle auf der Station in einen Zustand tiefer Trauer gestürzt.
Allen voran Ophosaè, der persönlich für sie zuständig gewesen
war. Er saß seitdem verstört in einer der Gebetshöhlen tief unten
im Berg und wechselte zwischen Weinen, Schlafen und Meditieren
hin und her.
Als Níhníma ihn vor drei Stunden das letzte Mal besucht hatte,
hatte er vornübergebeugt wimmernd auf einem der großen Mediationsstühle
gesessen, und sie war einen Moment unschlüssig
gewesen, ob sie ihn tatsächlich ansprechen sollte.
Da er weit beherrschter wirkte als noch die Stunden zuvor, hatte
sie sich schließlich überwunden und war leise zu ihm gegangen.
Die drei Salzleuchten, die er zu Beginn seines Prozesses entzündet
hatte, waren mittlerweile erloschen und Níhníma nahm sich
die Zeit, zunächst wieder etwas Licht in die von Edelsteinadern
durchzogene Grotte zu bringen, ehe sie sich vor ihn kniete und
behutsam nach seiner Hand griff.
Ophosaè war Yamâjas Neffe, ältester Sohn ihrer jüngeren Schwester.
Ihn und Níhníma verband eine tiefe Freundschaft, da sie beide
seit Kindesbeinen in Seben Igib lebten und ihre familiären Bezugspersonen
darüber hinaus ein sehr nahes Miteinander pflegten.
»Wie geht es dir?« fragte sie vorsichtig.
Der blauhaarige Mann weinte noch eine Weile weiter, dann schüttelte
er langsam den Kopf, woraufhin seine strähnigen Haare das
goldene Licht schimmernd reflektierten. Sie hatten die Farbe des
nächtlichen Himmels und wirkten im sanften Halbschatten der flachen
Grotte fast schwarz.
»Das hat sie einfach nicht verdient«, flüsterte er, und obwohl
Níhníma die Frage nach dem Was auf den Lippen brannte, schwieg
sie und ließ ihn in seinem Tempo zu Worten finden.
Es verging eine Weile, in der sich Ophosaè langsam aufrichtete
und auf seine Hände zu starren begann, als hätten diese Liźźanas
Schicksal besiegelt.
»Sie hatte sehr viel Angst, als sie gestorben ist«, sagte er schließlich
und sein Blick wanderte zu der gegenüberliegenden Wand.
Dort schien er den Stein zu durchdringen und zurück zu diesem
schrecklichen Moment zu fliegen, den er unmittelbar miterlebt
hatte.
Nach Liźźanas Umprogrammierung viele Jahrzehnte zuvor hatte
sich Ophosaè bereit erklärt, sich einen direkten Link zu ihr legen
zu lassen. Das bedeutete, dass er in stetiger Verbindung mit ihr war,
ohne sich aktiv auf sie eintunen zu müssen, wie es normalerweise
unter Mísíthaén der Fall war.
Unter Angehörigen einer Familie existierten diese Links ganz natürlich,
doch man konnte diese tieferen Dauerverbindungen auch
zu anderen Wesen legen, entweder indem man es trainierte, oder
wie in diesem Fall, es manuell im Kollektiven Feld einstellte.
Es bedeutete viel Verantwortung, und Níhníma hatte Ophosaè
stets dafür bewundert, dass er diese zusätzliche Bürde auf sich
genommen hatte beziehungsweise auf sich hatte nehmen können.
Es brauchte einen sehr klaren Verstand und eine hohe Begabung
als Seher, um permanent ein zweites Bewusstsein im eigenen
Feld mitlaufen zu lassen. Bei einem modernen Rechner war es
mittlerweile normal, dass mehrere Betriebssysteme gleichzeitig
liefen, aber ein Rechner hatte auch keinen Liebeskummer und
er litt keine Schmerzen, und schon gar nicht wurde er grausam
ermordet.
Natürlich war es nicht so, dass Ophosaè sämtliche Gedanken von
Liźźana in seinem Kopf gehört hatte, das würde selbst den begnadetsten
Seher schnell um den Verstand bringen. Liźźanas Wesen
war vielmehr wie das Leuchten von Polarlichtern in Ophosaès
Geist gewesen, mal schwächer, mal intensiver. Durch Gėzuma war
er in der Lage, die Farbtöne mit ihren entsprechenden Formen und
ihrer Dauer, Dichte und Intensität in seinem Bewusstsein Liźźanas
Emotionen und Körperzuständen zuzuordnen, was über eine längere
Zeit immer präziser geworden war.
Das direkte Eingreifen und rationale Erfassen ihres Bewusstseins
war eher im Modus der Tiefenmeditation möglich, oder
wenn sich der Seher aktiv über die Plasmakugeln mit dem Kollektiven
Feld Loomâkriahs verband.
Doch der Tod war auch ohne diese Verstärkung und Unterstützung
Lamlamchis sehr direkt für ihn fühlbar gewesen, denn in
diesem Augenblick löste sich der energetische Körper von seiner
physisch sichtbaren Ebene, und dabei wurde eine solch gewaltige
Energie freigesetzt, dass es die jeweils eng ans Feld Angeschlossenen
förmlich überrollte, vor allem wenn dieses Ereignis mit
einer so heftigen Emotion wie Angst verbunden war.
Ophosaè hatte etwas Derartiges noch nie zuvor erlebt und er hatte
in diesem Moment keine Möglichkeit gehabt, sich in irgendeiner
Weise von der Gewalt abzuschotten, die im Auseinanderbrechen
von Liźźanas physischer Form gelegen hatte.
Immer noch bebte er in der Tiefe seines Körpers, und weder die
Meditation noch literweise Tränen vermochten sein heißgelaufenes
System zu kühlen.
Vorsichtig griff Níhníma nach seiner Hand und umschloss sie mit
den ihren. Sie wollte gerne etwas sagen, doch jeder Trost kam ihr
so platt vor, dass sie fürchtete, Ophosaès Verwirrung nur zu vertiefen,
indem sie ihn mit solchen Worten überschüttete. Deshalb
öffnete sie ihr Inneres für die stille Anteilnahme und blieb eine
lange Zeit nur mit seiner Hand in den ihren sitzen, um ihn spüren
zu lassen, dass es eine liebevolle Realität außerhalb seines Zustandes
gab, eine Schwingung, in die er jederzeit zurückkehren konnte.
Das tat der junge Seher, indem er Níhníma irgendwann an sich
zog und an ihrer Schulter wieder zu weinen begann. Diesmal
jedoch waren es jene nassen klaren Perlen, die das Trauma lösten.
dâfit’zen horida mezko – Tränen waschen das Herz.
Und nach einer Weile war Ophosaè still geworden, ein Blatt, dass
sich durch den Sturm gekämpft und schließlich auf den warmen
Erdboden gelegt hatte, um dort die letzte Läuterung zu erfahren.
Níhníma hatte sich zu ihm auf den breiten Meditationssessel gesetzt,
und Ophosaè verharrte still an sie geschmiegt, während seine
Wahrnehmung dem Pulsschlag in ihren Fingerspitzen folgte, der
sanft und rhythmisch bezeugte, dass das Leben sich trotz dieses
grausamen Schlundes nicht von ihm abgewandt hatte. Das tiefe
Wogen der Trauer hielt die beiden Mísíthaén eine geraume Zeit ihn
ihrer Umarmung, doch irgendwann knurrte Ophosaès Magen so
durchdringend, dass es ihnen nicht möglich war, das Vorhandensein
der Zeit noch länger zu ignorieren.
Der sture physische Protest von Ophosaès Körper zerrte die beiden
zurück in die Gegenwart und sie sahen sich schmunzelnd in
die Augen. Níhníma sendete behutsam: ~Komm doch einfach mit
hoch.~
Sehr vorsichtig strich sie Ophosaès Haare von seiner Stirn, die
dort festgeklebt waren, weil er sein Gesicht so lange an ihren Hals
gedrückt hatte. Die Ruhe seines Wesens schimmerte nun wieder
verhalten in seinen blaugrünen Augen, und nach einem weiteren
Moment lächelte er sogar, denn es gab keine Worte für den Dank,
der sein Herz in dieser Minute voll und ganz ausgefüllt hatte.
Was Níhníma intuitiv getan hatte, war das gewesen, was er am
dringendsten gebraucht hatte, denn Djaénèda waren in ihrer essentiellen
Anlage Rudelwesen. Sie wurden gruppenweise aus Lichtknospen
geboren und tendierten deshalb, in welcher Art Körper sie
sich auch ausformten, immer in Richtung eines Daseins, das durch
mehr als ihre alleinige Gegenwart geprägt war. Sie strebten nach
der Resonanz im Außen, um sich darin zu reflektieren, daran zu
reiben, oder auch, wie in diesem Fall, Halt zu finden.
Nach einer Weile lösten die beiden Mísíthaén ihre Arme voneinander
und erhoben sich langsam. Die tiefe, zerschmetternde Trauer
war jetzt nur noch ein Schleier im allgegenwärtigen kosmischen
Bewusstsein; sie hatte Ophosaès Geist freigegeben.
Die zwei Seher hatten nicht weiter über Liźźana gesprochen, denn
die tiefe Verbindung, in die sie sich begeben hatten, hielt noch an.
Níhníma hatte ihren Freund und Arbeitskollegen nach oben in einen
der Gemeinschaftsräume begleitet und sichergestellt, dass für
ihn gesorgt war, dann hatte sie sich um das Essen für Væil gekümmert.
Erst als sie dem Makanæ nun von Liźźanas Tod berichtet hatte,
war ein Teil der Beklemmung, die sie zuvor mit Ophosaè erlebt
hatte, zurückgekehrt, und der kühle, dunkle Schleier der Furcht
legte sich wieder über sie. Væil hatte die Veränderung in ihren Augen
lesen können, und er ging behutsam in Resonanz mit dem Wissen,
dass die Mühlen des Schicksals Liźźana nun zerquetscht hatten,
und teilte einige Minuten bereitwillig die stille Trauer mit Níhníma.
»Haben wir Hinweise, wer es gewesen ist?« erkundigte er sich
schließlich und griff langsam nach dem Salatteller. Níhnímas große,
sanfte Augen schimmerten, eine letzte Spur Tränen zeichnete ihre
Wangen.
»Die Seher haben sehr viel zirkulierende Energie in ihrem Feld
wahrgenommen«, begann sie, wobei sich ihre Augenbrauen streng
zusammenzogen. »Etwas hat sich dort entladen und leider sieht es
so aus, als ob es sich immer mehr zentriert. Wir wissen aber nicht,
was es ist. Anscheinend ist es kein irdisches Phänomen.«
Væil fühlte sich augenblicklich alarmiert, doch er beherrschte
seine Stimme meisterhaft, als er fragte: »Wie sieht es bei Leqõrado
aus?«
»Er hat diesen energetischen Schutzwall. Anscheinend ist er bislang
unberührt«, entgegnete die rothaarige Seherin nachdenklich.
»Na immerhin. Dieses Mädchen … Mizuee, habt ihr sie eigentlich
auch auf der Karte unten … irgendwie?« erkundigte sich der Makanæ
kauend.
»Nein, schön wär’s. Sie ist uns allen ein Rätsel.«
Níhníma, die einige Augenblicke hinaus in die Nacht geblickt
hatte, sah nun zu Væil hinüber. Sie fühlte ihn so sehr; fühlte, dass
ihm etwas auf der Zunge lag, und befand: Es war anstrengend, so
zu tun als wäre nichts oder als würde sie es nicht mitbekommen.
»Komm schon, dir brennt doch was auf der Seele«, forderte sie
ihn deshalb zärtlich auf.
»Ach, es ist nur …« Væil sah weg, denn er konnte spüren, wie sich
sein Herzschlag unverhältnismäßig beschleunigte.
Als die Stille unerträglich wurde, stelle er seinen Salatteller auf
den Tisch zurück und erwiderte Níhnímas Blick. Noşugs Tochter,
die eine sehr begabte Seherin war, merkte sofort, wie sich sein
Wesen abwandte, wie es entfliehen wollte, wie die Zuneigung zu
ihr und die Idee, sie damit völlig zu überfordern, in ihm rangen. Er
hegte einen Verdacht, war jedoch uneins darüber, ob er ihr diesen
mitteilen sollte.
»Ich sag es keinem, Væil. Ich …« Sie musste wahrlich allen Mut
zusammennehmen. »Ich hab dich sehr gern … mehr als das. Ich …
ich wünsche mir, dass du mir vertraust«, gestand sie schließlich
und fühlte sich sofort besser.
Væil fuhr jedoch innerlich zusammen bei ihrer Offenbarung und
sog scharf die Luft ein. Für Sekunden glaubte er, er müsse eigentlich
noch in der weichen Schwerelosigkeit des Kristallbads
schwimmen und träumen, doch diese bildhübsche junge Frau saß
leibhaftig vor ihm und war willens, sich seine Verdachtstheorie
anzuhören. Daher schluckte er seinen Zweifel, beugte sich langsam
vor und sprach leise, obwohl es dazu keine Veranlassung gab:
»Ich habe das seltsame Gefühl, dass es da eine Art geheimes Abkommen
zwischen Ichìndyll und Seben Igib gibt. Ich glaube einfach
nicht, dass Seben Igib unbeteiligt an dieser Geschichte um
Mizuee ist, Nía«
Sie errötete, als er sie bei ihrem Spitznamen nannte, der so viel
wie Spatz bedeutete. Und obwohl der Inhalt seiner Worte sehr
ernst gewesen war, musste sie freudig schmunzeln. Doch dann
rief sie sich zur Ordnung und fragte nach: »Was sollte das deiner
Meinung nach sein?«
Væil schluckte hastig und verzog das Gesicht, als ihm die Salatblätter
beinahe im Hals stecken blieben, dann erklärte er: »So
wie ich das verstanden habe, ist Mizuee sehr wichtig. Sie ist der
Kernpunkt dieser uralten Legende, die maßgeblich mit Loomâkriahs
Schicksal verknüpft ist. Findest du es nicht merkwürdig,
dass jemand wie Leqõrado ihren Weg kreuzt und dieses Schicksal
somit abwendet? Glaub mir, da ist irgendwann, irgendwo in
dem unberührten Feld zwischen euch und Ichìndyll etwas abgelaufen,
von dem nur ganz wenige wissen.«
Ihr Gesicht verriet tiefe Sorge, langsam nickte sie. »Okay, ich
verstehe. Du meinst, Seben Igib hat Leqõrado absichtlich in diese
Position gebracht, um Mizuee aufzuhalten.«
»Ja, es kann nur so sein. Und das Schlimme ist, dass mein direkter
Verdacht Yamâja betrifft, denn sie schreibt die Programme,
versteht du? Genau darum müssen wir uns kümmern, sonst geht
einer der beiden da draußen drauf. Ich weiß nicht, wer oder was
Mizuee ist, aber es kann doch nicht sein, dass Ichìndyll sie einfach
ins Messer laufen lässt.«
»Das bedeutet, dass wir mit Ichìndyll reden müssen, um zu verstehen,
was da überhaupt los ist und wer sie ist.«
Væil nickte und innerlich übermannte ihn das Gefühl der Freude,
dass Níhníma so unvoreingenommen bereit war, ihm zu helfen.
Es war das erste Mal seit dem Tod seiner Frau, dass er über eine
Zukunft nachdachte, die er nicht mehr alleine kreieren würde.
»Komm, wir gehen zu Yamâja. Es macht nur Sinn, offen darüber
zu sprechen«, schlug Væil vor und erhob sich vom Tisch,
nachdem sie einige Momente geschwiegen hatten.
Níhníma ergriff seine Hand und stand mit einem Schwung auf.
Er war unendlich beglückt über ihr bedingungsloses Zutrauen, so
dass er sie zunächst an sich zog und leidenschaftlich küsste. Beide
konnten kaum voneinander lassen und fast vergaß der Besorgte
den Grund, warum er eigentlich aufgestanden war.
Níhníma war schließlich diejenige, welche den Kopf etwas wegdrehte
und flüsterte: »Wir haben noch die ganze Nacht dafür. Lass
uns gehen.«

(…)