Tag 3 – Errorkey

 

Jemand riss die Tür auf und polterte grobschlächtig in
mein Zimmer herein.
Ich blinzelte über den Rand meiner leeren Cornflakesschüssel,
aus der ich gerade die letzten Tropfen Milch geschlürft hatte.
Fast hätte ich mich verschluckt.
Obwohl das Essen grausig schmeckte, hatte ich mich aus purem
Überlebenswillen heraus entschieden, es trotzdem zu essen,
denn ich war nach einem totengleichen Schlaf heute morgen erwacht
und hatte mich einfach nur miserabel gefühlt, nachdem ich
eine weitere Marter-Nacht auf der Klippe hatte erdulden müssen.
Mir blieb kaum Zeit, die Schüssel abzusetzen und in meinem
noch schläfrigen Zustand die Situation einzuordnen, die sich in
diesem Augenblick derart gestaltete, dass mehrere ISA-Leute
meine Zelle stürmten, vorneweg dieser Lockman.
Ich hasste den Kerl. Er hatte mich gestern verhört, und dieser
Misserfolg schien ihm zu Kopf gestiegen zu sein, denn ehe ich
mich versah, hatten mich drei riesige Gorillas mit Handschellen
und Fußketten zusammengeschnürt und aus dem Bett gezerrt.
Ich fragte nicht, was das alles sollte, denn er schien es nicht für
nötig zu halten, mich über die Gründe für dieses unverschämte
Verhalten aufzuklären. Stattdessen zerrte er mich mit äußerster
Grobheit durch die gesamte Krankenstation, in einen Lift und dann
einen endlosen Gang entlang – wobei ich einige Male fast gestürzt
wäre, denn die Beinfreiheit war durch die Stahlketten an meinen
Füßen sehr beeinträchtigt –, bis ich mich schlussendlich in einem
spärlich beleuchteten Raum auf einen Stuhl setzen durfte.
Ich war unruhig, denn ich fühlte mich bedroht von seiner ungezügelten
Brutalität. Der Raum war offensichtlich unterkühlt, und
vermutlich gehörte das mit zum Programm. Schnell rief ich mir die
Lektionen in mein Gedächtnis zurück, die wir zu diesem Thema in
der Ausbildung und bei OWC behandelt hatten.
Der Agent schloss die Tür und drehte den Schlüssel zweimal
lautstark im Schloss.
Enorm eindrucksvoll.
Sollte ich gelassen bleiben oder einen dummen Spruch reißen?
Mich reizte Letzteres, aber dieser Mistkerl hatte alle Trümpfe.
Mit am Rücken fixierten Händen, dem schmerzenden Armgelenk
und einer Kette an den Füßen, die gerade eben meiner Schrittlänge
entsprach, waren die Chancen auf eine effektive Verteidigung gleich
null. Ich hatte schon mit verstauchten Armen und vertretenen Füßen
gekämpft, aber Fesseln bedeuteten immer einen sehr großen Nachteil,
mal ganz abgesehen von dem Gips, der meinen Arm fixierte.
Von diesem Ausgangspunkt musste ich die Lage logisch-analytisch
einordnen, obwohl ich emotional mächtig am Kochen war.
Es gab einen Tisch mit einem Aufnahmegerät, und an der Wand
mir gegenüber befand sich eine verdunkelte Scheibe. Keine Fenster.
Wohl ein typisches Verhörzimmer. Fehlte nur noch, dass sie einen
Flutscheinwerfer auf mich richteten.
Zu früh gefreut.
Es dauerte einige Sekunden, bis ich mich an das gleißende Licht
gewöhnt hatte. Grell ausgeleuchtet sah ich den Agenten vor mir
stehen, aber ich blickte nicht hinauf zu ihm, was sich als die falsche
Entscheidung herausstellte. Er packte mich bei den Haaren
und riss meinen Kopf in den Nacken.
Wenn es schon so anfing …
»Also, Ayzuna, haben Sie nachgedacht?!« Pause. »Ach, Sie reden
immer noch nicht mit mir. Äußerst unschön.« Er ließ mich
los und wandte sich ab. »Weißt du, ich arbeite nicht gerne mit
derart unkommunikativen Leuten wie dir. Das ödet mich an!«
Er war mit dem »du« auf die persönliche Ebene gegangen und
klang absichtlich angewidert und gelangweilt. »Es ist so schrecklich
ermüdend und vor allem so sinnlos.«
Ich dachte mir, dass es ebenso sinnlos war, sich Dreck unter den
Fingernägeln hervorzupulen, wenn doch gar keiner da ist, so wie er
es in diesem Moment tat, während er vor mir stand und sich groß
und mächtig fühlte.
»Am schlimmsten ist es, wenn die Leute es nicht einsehen wollen.
Sie denken, sie wären stark, aber ihr Leben liegt in unserer
Hand. Wenn es uns passt, könnten wir sie erschießen und dann behaupten,
es wäre bei einem Fluchtversuch passiert. Verstehst du, es
fragt keiner nach der Wahrheit. Diese Organisation untersteht nur
einer Kommission von fünf Abgeordneten. Sie handelt außerhalb
des regulären Rechtssystems.«
Er glaubte tatsächlich, dass er gerade mir da noch etwas Neues
erzählen konnte. Ich fand es fast amüsant, unterband aber strikt
ein Grinsen, das sich mir aufdrängte.
»Ich weiß, auch du denkst, du seist unzerbrechlich. Du glaubst,
ich hätte Skrupel, in dein hübsches Gesicht zu schlagen.« Er sah
mich mit beißendem Blick an.
Nicht eine Sekunde hatte ich geglaubt, dass er Vorbehalte hatte,
mich zu schlagen, und als er so bitterböse auf mich herniederblickte,
verstand ich plötzlich, dass dies ein klassisches Prügelverhör werden
würde. Unbemerkt atmete ich tief durch. Nun begann offenbar der
anstrengende und belastende Teil meines Aufenthaltes.
»Aber es ist mir egal. Nicht einmal die schlimmste Folter würde
als Vergeltung für deine Taten reichen. Du bist ein verdammtes
Miststück! Dreck! Widerwärtiger als die stinkenden, verwesenden
Ratten in den Tonnen unten an den Kais!«
Lockman wartete auf eine Wirkung, doch sie trat nicht ein. Nach
dem, was er sich gestern geleistet hatte, war ich ihm gegenüber
wie vereist. Keins seiner Worte erreichte mich in meinem Innersten.
Stattdessen prallten sie an meinem Schweigen ab wie Wasser
auf öliger Haut. Ich hatte das oft trainiert. Gestern hatte er mich
überrascht, doch heute war ich besser vorbereitet.
»Ja, schweig mich nur an. Das ist schon okay, wir haben eine
Menge Zeit. Und glaub mir, ich werde jede Minute genießen, die
du hier leidest. Jede Sekunde, in der du versuchst, deine pervertierten
Gedanken vor mir zu verstecken. Ich habe herausgefunden,
dass es bei jedem Menschen einen Punkt gibt, an dem man ihn bekommt.
Einen schwachen Punkt, der manchmal kaum sichtbar ist.
Ich weiß, auch du fürchtest dich vor irgendetwas, und ich werde
mir ganz viel Zeit nehmen, herauszufinden, was es ist.«
Er strich über meine Wange, tat mitfühlend.
Ekel packte mich. Was für ein miserabler Schauspieler er doch
war. Erstaunlich, dass er die grottenschlechte Leistung vom Vortag
noch unterbieten konnte.
»Willst du das wirklich? Oder willst du lieber mit mir reden?«
Sein Gesicht war dem meinen nun so nahe, dass ich seinen frischen,
mentholgetränkten Atem wahrnahm, aber ich zwang mich,
nicht zurückzuweichen.
»Eigentlich bist du ja ganz süß …« Er sprach jetzt mit dunkler
und sanfter Stimme, dann war seine kalte Hand auf meinem
Oberschenkel. »Weißt du, die Tür ist abgeschlossen, und wir
beide sind ganz allein hier drin. Um ehrlich zu sein, hätte ich
nicht übel Lust, dich auf der Stelle zu vernaschen, dafür bist du
ja gerade noch gut genug. Für ein paar Stöße in deinen kleinen,
dreckigen Huren-Arsch.«
Er schob die Kiefer lüstern vor, und seine Hand glitt höher.
Nun wurde es wahrhaft unangenehm. Ich spannte mich unwillkürlich
an, doch plötzlich sprach er weiter: »Wahrscheinlich bist
du auch gar nicht dumm. Du hättest doch so viel aus deinem
Leben machen können. Aber du bist hier und weigerst dich beständig
gegen jede Chance, die wir dir servieren. Aber weißt du
was?« Er richtete sich wieder auf.
»Es ist mir verdammt noch mal egal.« Mit dieser Aussage folgte
ein linker Haken, dann sofort ein rechter. Ich war zwar vorbereitet
gewesen, denn ich hatte die Bewegung seiner Arme genau verfolgt.
Trotzdem schmerzte es unbeschreiblich. Alte Wunden platzten
schneller auf als gesunde Haut. Warmes Blut lief an meinem Gesicht
herunter und mein zart türkiser Krankenkittel bekam ein rotes
Muster verpasst, als ich den Kopf wieder nach vorne drehte.
Atme, Zuee, vergiss bloß nicht zu atmen!

(…)