Tag 2 – Macht in Frieden

 

Während Seben Igib in Stille und Schlaf versank, weil Hådja sich
langsam drehte und eine Hälfte ihres gewaltigen Körpers dem kühlen
Schatten des Weltalls zuwandte, wurde es anderen Ortes Tag.
Vermeintlich ein Tag wie jeder andere, doch die Veränderung lauerte
hinter allen Blättern, schlummerte in jeder Knospe, kam mit
jeder Bö, die über die steilen roten Klippen des Grand Canyons
fegte, so dass die Ältesten der dort Lebenden zu Recht ihre Köpfe
hoben, gen Horizont spähten und in ihrer alten Sprache bemerkten:
Etwas liegt in der Luft.
Sie sprachen nur zu den Steinen, zu der roten, staubigen Erde
unter ihren Füßen, denn von ihrem Volk war kaum noch jemand
da, der ihnen hätte zuhören können. Dass es so kommen würde,
hatten sie gewusst, und sie ertrugen das Schwinden ihres Volkes
und der Kraft mit der ihnen verbliebenen Würde und einer besonderen
Art des Gleichmutes, der sie auch dieser neuen Schwingung
aufrecht entgegentreten ließ.
Lautlos ging es vonstatten, nur fühlbar für wenige, die ihre
Sinne dem Ganzen öffnen konnten. Wie das Licht des erblühenden
Morgens kroch es über die Welt, verschmolz mit den Ozeanen,
erklomm die Gipfel der Erde, wurde die Wolken und der
Regen, benetzte die Erde, wurde zum Tau, den Tränen der Pfl anzen,
Wasser in den Mäulern der Tiere, durchdrang die zitternde
Vereinigung zweier Hasen im dichten, hohen Gras irgendwo auf
dem amerikanischen Kontinent.
Die Veränderung war nicht aufzuhalten, doch scheute sie sich
noch, der Welt ihr wahres Gesicht zu offenbaren.
Den Eichhörnchen in Louisiana ging es trotz allem hervorragend.
Sie tollten in den Bäumen rund um Catahoula Lake, und
nichts deutete darauf hin, dass dies jemals anders sein würde.
Sie hatten sich prächtig vermehrt in den letzten Jahren, ihre Art
florierte wie lange zuvor nicht mehr. Wäre die Neuronen-Wissenschaft
bereits so weit gewesen, eine detaillierte Befragung mit diesen
Tierchen machen zu können, hätten die flinken Nager bestimmt
einiges zum Besten gegeben. Doch die Hirnforschung war nicht
im Stande, die Systematik eines Tierverstandes so weit zu durchdringen,
dass eine speziesübergreifende Kommunikation möglich
gewesen wäre.
Das menschliche Gehirn hingegen war nahezu vollständig entschlüsselt,
und der Schritt in die biologische Mikrotechnologie
war vollzogen. Die Medizin war mittlerweile in der Lage, mit mikroskopisch
kleinen Maschinen im menschlichen Körper zu operieren,
künstliche Nerven und Organe zu züchten und diese weitgehend
nebenwirkungsfrei anzuwenden. Die Forschung hatte den
menschlichen Körper immer mehr zu einer Synthese aus Maschine
und Zellstruktur gemacht – selbstverständlich nur im Falle
derer, die sich das leisten konnten und wollten. Doch den ultimativen
Jungbrunnen hatte die Wissenschaft bislang noch nicht
entdeckt.
Im Gegenteil: Manch einer munkelte über Nanotechnologie für
eine noch direktere und umfassendere Kontrolle. Der Mensch sollte
nicht länger leben, er sollte nur besser funktionieren und effizienter
sein. Der Organismus Menschheit war der größte Tierversuch, der
jemals ohne erheblichen Widerstand eingeleitet worden war. Manche
nannten es den größten Meilenstein der modernen Medizin, die
bahnbrechendste Entwicklung seit der Erfindung des Rades, und sie
sicherten sich die Logenplätze, um den Beginn dieses neuen Zeitalters
zu erleben, ohne dabei selbst an vorderster Front in den Versuch
eingebunden zu sein.
Die Verwendung von Nanotechnologie zur Kontrolle stritten sie
lächelnd ab. Derlei Gerüchte hatte es schon seit George Orwell
gegeben – es war natürlich kalter Kaffee!
Seit Mitte der zwanziger Jahre jedoch war ein Flämmchen beständig
dabei, dieses Gebräu wieder aufzuwärmen. Denn das Argument,
dass die technische Entwicklung nicht genüge, griff nicht länger.
Nicht in den lächelnden Mündern derer, die diese Machenschaften
vertuschen wollten, auch nicht bei denen, die sich das alles
gerne schönreden wollten, und am wenigsten bei all jenen, die ohnehin
klammheimlich ihre Zweifel hüteten und hegten. Derartige
Bedenken laut auszusprechen war seit dem GCA-Chip nicht mehr
möglich, denn dann wurde dieser abgeschaltet, die dazugehörige
HIN wurde aus dem System eliminiert, und auf einen Schlag war
es vorbei mit dem bunten, schönen Leben. Dann war man plötzlich
ein X, ein Bestandteil des TFR. Kein Geld, kein Rückhalt, kein Internet,
kein Fernsehen!
Das Risiko, seine Bedenken laut zu äußern, war demnach sehr
hoch, aber stumm denken konnte man sie – noch!
Der Chip war nicht in der Lage, die Gedanken eines Individuums
zu speichern oder gar zu kontrollieren – so zumindest hatte es bei
seiner Einführung geheißen, und solang man davon ausging, dass
die Androhung von Ausschluss aus dem Kollektiv keine Form der
Kontrolle war, konnte man das wohl auch so stehen lassen.
Die unmittelbare Kontrolle wurde nur der Nanotechnologie zugetraut,
deren Fortschritte wahrscheinlich deshalb seit langem schon
keine Aufmerksamkeit in den Medien der GCA mehr erhielten.
All die Zweifler jedoch ahnten, dass die Forschung bereits in den
dreißiger Jahren dieses glorreichen Jahrtausends in der Lage gewesen
war, hocheffiziente Nanoteilchen herzustellen und diese mit einer
gewissen Absicht oder einem Auftrag zu programmieren.
Doch was nutzte einem der Zweifel, wenn es keinen Raum gab,
ihn zu äußern? Im NSN gab es keinen wild wuchernden Wald
aus zwielichtigen Chaträumen mehr. Der Datenkahlschlag, die
Rodung unerwünschter Inhalte im neuen, sicheren Netz, im Bitsand-
Bytes-Universum der GCA erfolgte mit einer Routine, nach
der man die Uhr stellen konnte. Natürlich geschah das auf Grund
der Vorteile, die es mit sich brachte: keine Kinderpornographie,
keine ominösen und betrügerischen Webseiten, kein Datenmüll,
der auf Quadratkilometern von Servern Strom- und Speicherressourcen
fraß.
Die GCA war eine saubere Welt. Wer sich im Widerstand betätigen
wollte, musste die Struktur zwangsläufig verlassen. Doch
außerhalb der Grenzen des Wohlstands- und Fortschritts-Imperiums
verlor man in der Regel die Kraft für den Widerstand, weil
man plötzlich damit beschäftigt war, ums Überleben zu kämpfen.
Falls man diese Hürde dann irgendwann genommen hatte, kam
man sehr leicht zu der Auffassung, dass man mit der GCA und
ihren Machenschaften nichts mehr zu tun haben wollte.
Denn wer die Schranken seiner eigenen Existenzangst überwinden
konnte, war in der Lage zu begreifen, was wirklich geschah;
diese Menschen konnten die Mauern aus Sicherheitsbestrebungen
und Konsumbotschaften sehen, welche die GCA errichtet
hatte, um sich vom Rest der Welt abzuschotten.
Sehend wandten sich die meisten Entflohenen ab, einfach nur
froh, dem entgangen zu sein.
So rückte die Welt auseinander, jeden Tag ein bisschen weiter.
All jene, die einst die geheimen Machenschaften in der Welt an
den Pranger gestellt hatten, die lauthals Verschwörung! geschrien
hatten, waren heute entweder tot, desillusioniert oder beides.
Die Übriggebliebenen dieser Bewegung lebten meist außerhalb
der GCA, weil viele von ihnen allein bei der Erwähnung des
Chips das kalte Grauen gepackt hatte und sie sofort ihre Sachen
geschnappt hatten und gegangen waren. Instinktiv hatten sie gewusst,
dass sie nicht in der Lage sein würden, in blindem Gehorsam
das nötige Vertrauen aufzubringen, um das, was sich GCA
nannte, als Realität zu akzeptieren.
So waren sie geflohen und hatten ihren Widerstand mitgenommen.
Der betäubte Rest, die Übriggebliebenen, die Gutgläubigen, womöglich
auch die Arglosen und die Zufriedenen waren nunmehr
kaum im Stande, sich auszumalen, was es bedeuten würde, wenn
plötzlich intelligente Nanoteilchen durch sämtliche Klimaanlagen
der B-Bürger in der GCA gepustet werden würden.
Dies war etwas anderes als der radioaktive Killerstaub der atomaren
Sprengkörper, die in den Golfkriegen und zahlreichen
anderen militärischen Auseinandersetzungen, welche die USA
ehemals geführt hatten, verwendet worden waren. Das darin verwendete,
abgelagerte Uran hatte massive genetische und deshalb
totgeschwiegene Schäden bei den Soldaten und der jeweiligen
Zivilbevölkerung des Landes verursacht.
Sehr zum Vorteil der Schweigenden war diese humanitäre Katastrophe
eine langwierige und schlecht nachweisbare Angelegenheit
gewesen. Deshalb hatte sich dieser Massenmord schweigend
in die blut- und tränengetränkte Linie der Kriegsverbrechen eingereiht,
von denen zu wenige je bekannt geworden waren, um einen
wirklichen Widerstand im Herzen der gesamten Menschheit
zu entfachen. Nichts davon war je in großem Maßstab öffentlich
gemacht worden, betraf es doch auch bei weitem nicht alle, sondern
vorrangig diejenigen, die im Glauben an den Frieden oder
die Demokratie andere ermordet hatten, und wiederum die, die
mit dem Krieg nichts zu tun haben wollten und dennoch umgebracht
worden waren, weil sie ihr Haus zufällig an eine Stelle gebaut
hatten, wo die Bombe später eingeschlagen war.
Und was waren schon Generationen verkrüppelter, afghanischer
Kinder gegen eine globale, flächendeckende Massenkontrolle? Dass
Afghanistan keinen wirtschaftlichen Einfluss besaß, machte es der
Welt leicht, einfach wegzusehen.
Die Menschen begannen zunehmend umzuschalten, wenn in den
Nachrichten derartige Dinge gezeigt wurden. Deshalb fingen die
Medien an, ihre Themeninhalte zu verschieben – nicht, dass zuvor
die Wahrheit erzählt worden wäre – doch nun verschwanden
sogar all die manipulierten und frisierten Informationen von den
Bildschirmen. Der Krieg, der Hunger und das Leid in der Welt verblassten
damit im Bewusstsein einer großen Anzahl Menschen.
Eine unheimliche Dynamik gebar sich durch die neue Ordnung
der GCA. Gleich einem Tanz, in dem sich zwei Partner mit jeder
Bewegung einander mehr anglichen, bis sie sich schließlich
symbiotisch ineinander verschlungen und ekstatisch jauchzend
umeinander drehten. Mittelpunkt des Denkens und Fühlens, nebulöser
Schlund des menschlichen Gewissens, gierig, saugend,
unnachgiebig, gleich dem schwarzen Loch im Zentrum der Galaxis
kamen die Menschen und ihr System zu der Übereinkunft,
gewisse Dinge als nicht länger existent zu erachten. Was man
nicht sah, gab es nicht; was man nicht hörte, gab es nicht; was
man nicht dachte, würde niemals sein.
Noch durchsetzt vom Schock des Zusammenbruchs der modernen
Welt setzten die Überlebenden alles daran, zu vergessen, und
es gelang ihnen – besser als vieles andere.
Nachdem das Bedürfnis, das Unheil in der Welt nicht länger
sehen zu wollen, sich im Programmangebot niedergeschlagen
hatte, gab es keine Bilder oder Informationen mehr, die in der
Lage gewesen wären, durch ihre Grausamkeit an den Grundfesten
des zugemauerten Gewissens zu rütteln.
Als duftendes Pflaster für diese Gewissens-Sünde gab es die vielen
Friedenskonferenzen, zu denen sich die Führungselite traf und
vor den Bannern von Pepsi und Panasonic emotional ergreifende
Reden hielt.
Brot und Spiele – Burger und Ansprachen.
Dank dieser Abkehr vom kritischen Denken fiel es niemandem
mehr auf, dass weitere Inhalte nach und nach aus dem meinungsbildenden
Monopol der Medien verschwanden.
Ob nun Nanoteilchen oder nicht, die Kontrolle hatte an dieser Stelle
bereits begonnen; streckte ihre kleinen, bunt schillernden Werbewelt-
Konsum-Ärmchen nach den Gehirnen der Menschen aus.
Still und unbeachtet wie ein Raubtier schlichen sich diese Tentakel
durch die Straßen der Großstädte, in die Haushalte, in die Kinderzimmer.
Niemand hackte sie ab, denn sie waren vertraut, ein
liebgewonnenes und wieder auferstandenes Relikt aus der Zeit vor
dem großen Kollaps.
Menschen, die sich an eine Zeit ohne Fernsehen erinnerten, waren
nahezu ausgestorben, ihre Stimmen zu dünn, um von diesen
Zeiten zu erzählen, da andere Realitätsstrukturen existiert hatten.
Die Einflussnahme dieser Macht von Außen war zum wiederholten
Mal ein schleichender Prozess, den niemand richtig erfasste
oder gar hinterfragte, da er sich so perfekt in das herrschende Weltbild
einpasste.
Dementsprechend gab es kein Bewusstsein dafür, was im Kielwasser
des fröhlich leuchtenden Unterhaltungsdampfers die Gestade
der neuen, modernen Welt erreichte.
Wie ein Schwarm unsichtbarer Piranhas, mikrobisch klein und
dementsprechend lautlos enterten die Nanoteilchen das Leben in
der GCA. Sie schwammen zwischen den Cornflakes beim Frühstück,
tanzten mit den Sauerstoffbläschen in der Bierflasche, warteten
geduldig auf den Fasern des Papiertaschentuchs, dass sein
Besitzer sich die Nase schnäuzen musste. Da die viel erforschte
und glorreich verschwiegene Nanotechnologie nicht die Chromosomen
zerschoss und somit keine schrecklichen Missbildungen
an den geliebten Kindern verursachte, sondern ganz still und leise
den letzten Rest des freien Willens absorbieren würde, machte niemand
Aufhebens darum.
Womöglich befand man sich schon mittendrin, ohne es zu merken?
Nanotechnologie war nun mal nicht zu sehen, nicht zu fühlen,
und es gab keinen objektiven Maßstab, an dem man den Unterschied
hätte festmachen können. Deshalb konnte es niemand
mit Bestimmtheit sagen, und um der Wahrheit Genüge zu tun:
Es dachte auch niemand daran, dass man derlei Dinge überhaupt
denken könnte.
Diese Gedanken waren Gift, und niemand war befugt, sie zu
denken. Nicht einmal mehr die Wissenschaft fragte danach, ob
Nanotechnologie überhaupt einen Nutzen brachte, sie befasste
sich nur mit der Frage, welcher Nutzen es war und wie man ihn
am effizientesten einbrachte.
Deshalb schützte auch das neue, sichere Netz die Bürgerinnen
und Bürger vor derlei mental aufrührerischen Attacken, die im
Stande waren, das autonome Denken zu aktivieren.
Nicht so die Eichhörnchen. Sie wussten rein gar nichts von Nano,
auch nichts von Brutto oder Techno. Die Forschungsergebnisse der
staubfreien Hightech-Laboratorien der Menschen interessierten sie
nicht. Auch, dass Menschen Leid über ihre Artgenossen brachten,
war ihnen gleichgültig. Die Nager waren in den Wäldern sich
selbst überlassen worden. Keiner scherte sich darum, was sie taten,
ob und was sie dachten; die viel bejubelte Wissenschaft war
an der Aufgabenstellung, ein Eichhörnchen sachdienlich zu interviewen,
bislang gescheitert.
Erschwerend kam natürlich hinzu, dass jene, die wirklich etwas
Interessantes zu berichten hatten, bereits gestorben waren. Denn
obwohl es den Nagern im Nationalpark rund um den Catahoula
Lake sehr gut ging, betrug ihre Lebenserwartung nicht mehr als
sechs Jahre, und kleine Eichhörnchen interessierten sich nicht sonderlich
für die Geschichten, die ihnen ihre Eltern und Großeltern
über die Welt der Menschen erzählten.
Sie lebten unbeschwert in ihrer glückseligen Ahnungslosigkeit,
spielten Fangen im Wald, paarten und putzten sich und staunten
nicht selten über Haselnusspflänzchen, die völlig unerwartet an
Stellen wuchsen, wo sie vermuteten, einst ihre Nüsse versteckt
zu haben.
Die Jungtiere flitzten über die umgestürzten Bäume des Nationalparks,
gruben und scharrten in der Erde, nagten, sammelten,
lauschten und sprangen in den taufrischen Morgenstunden
wie die Wilden über die zugewucherten Waldwege, die schon
lange kein zweibeiniges Wesen mehr benutzte. Nichts und niemand
störte sich an den Horden rotbrauner Nager, die den Wald
bevölkerten. Keiner beklagte die von Waschbären umgestürzten
Mülltonnen oder die Füchse, die nahe den Siedlungen durch die
Büsche streiften.
Nach dem Kollaps war der Mensch auf der Suche nach Nahrung
fortgegangen, oder er hatte vereinzelt versucht, mit seinen bloßen
Händen und dem Gartengerät aus dem Baumarkt kleine Gärten
zu kultivieren, um ihnen etwas Essbares abzuringen.
Nachdem klar geworden war, dass die Lebensmittellieferungen
die entlegenen Siedlungen in Louisiana nicht mehr erreichen
würden, weil sie entweder nichts zu liefern hatten oder von
ebenso Hungrigen auf dem Weg dorthin ausgeraubt worden waren,
war eine flächendeckende Hungersnot in vielen Industriestaaten
ausgebrochen, der keine Hilfsorganisation hatte beikommen
können, weil sie dafür nicht die Kapazitäten gehabt hatten.
Die Menschen hatten sich selbst helfen müssen.
Doch das Wissen um Aussaat und Ernte war vergessen, verschollen
in den Gehirnarealen, die angefüllt waren mit der Reklame
der Billigdiscounter und den Kochrezepten aus den Vorabendsendungen.
In den abgelegenen Gegenden Louisianas zählte der Mensch
deshalb dieser Tage zu einer aussterbenden Spezies, und diejenigen,
die irgendwie überlebten, mochte man nicht so recht als
dieser Gattung zugehörig bezeichnen.
Es waren verwahrloste Wesen, raubende Einsiedler, die den
Schock des Zusammenbruchs ihrer Welt nicht verwunden hatten,
aber dennoch bitter am Leben festhielten, weil der Überlebenskampf
das Einzige war, was sie aus ihrer zerstörten Welt kannten.
Diesem alten Programm folgend hausten sie in den verlassenen
Städten und Dörfern, in dem Wissen, dass jeder Tag, der sich in
zarten Rottönen am Horizont ankündigte, einer der letzten in der
Struktur ihres alten Weltbildes sein könnte, das aufzugeben sie
sich dennoch weigerten.
Die alten Hirsche der Gegend hatten die »richtigen« Menschen
noch gekannt, die Ranger und Wochenendtouristen, die den Wald
besucht hatten, ohne ihn wirklich zu begreifen oder gar zu fühlen.
Die Hirsche wären in der Lage gewesen, von der Katastrophe zu
berichten, die vor über zwanzig Jahren die Zivilisation der Menschen
wie keine andere erschüttert hatte.
Zumindest hatten sie aus ihren sicheren Verstecken an den Rändern
der Städte beobachtet, wie die Fahrzeuge der Kabelunternehmen
von Haus zu Haus gefahren waren und die gestressten und
bleichen Mitarbeiter nach jedem Besuch die Türen der Einfamilienhäuser
mit mehr Irritation und Angst hinter sich geschlossen hatten,
noch immer unwillig zu begreifen, wie groß jene Katastrophe
für die Welt und sie persönlich als Galionsfigur ihrer Firma war.
Wie sollte auch ein einfacher Fernmeldetechniker verstehen, was
dort in der unbegreiflichen Struktur des Kabelnetzes geschehen
war? Wie den entrüsteten Kunden erklären, dass eine Macht, gewaltiger
als ein nukleares Inferno, die Struktur der Atome der Leitungen
aufgelöst hatte, so dass sie nichts mehr übermitteln konnten,
keine Daten, keinen Strom…
Manch einer hatte erleichtert aufgeatmet und sich selbst dafür
gedankt, den alten Holzofen nicht weggeworfen zu haben, denn
selbst die Gaslieferungen waren jener Tage ungewiss geworden,
da sämtliche Daten und Lieferlizenzen aus den Großrechnern aller
ans Netz angeschlossenen Geräte verschwunden waren.
Da war einfach nichts mehr.
Nichts.
Nichts hatte mehr über die Highways der modernen Welt ausgetauscht
werden können.
Die viel gelobten Satelliten hatten in den Wochen danach scharenweise
Kurzschlüsse und Überlastungsausfälle erfahren, da sie
für eine so plötzliche Mehrnutzung nicht konstruiert waren.
Die Welt der Menschen war für Monate in der Finsternis der
Entglobalisierung versunken, war haltlos in ein Chaos gestürzt,
welches das Mittelalter wie ein kindisches Krippenspiel erscheinen
ließ. Schließlich hatte China das Ruder an sich gerissen und
die GCA zum Fundament der neuen Welt erklärt.
Das Rad hatte sich weiter gedreht.
Davon wussten Hirsche in Louisiana selbstverständlich nichts.
Sie hatten nur mit Interesse das Verschwinden der Zweibeiner bemerkt,
hatten sie schreien, trauern und sterben gehört.
Hinter den Mauern der Friedhöfe, im Schatten der Bäume, hatten
die Waldgeschöpfe die Menschen beobachtet, wie sie gleich
schwarzen Fähnchen auf dem Feld mit den symmetrisch angeordneten
Steinen umhergewankt waren und geseufzt hatten. Riesige
Areale, jener Tage durchfurcht von gähnenden, rechteckigen Löchern
– vielen kleinen und wenigen großen, da niemand die Kraft
für aufwendige Bestattungen im Sarg gehabt hatte.
Die Klage war das Einzige gewesen, was geblieben war – das
akustische Symbol des ermordeten Fortschritts.

(…)