Tag 4 – Sternentor

Der funkelnde Schweißtropfen wanderte langsam am Hals des
Mataké hinab. Der dunkelhaarige Mann fühlte die sanfte Bewegung,
wie er auch die Berührung des Windes in seinen Haaren
spürte und den Druck der Luft auf seiner Haut.
Er hielt die Augen geschlossen und atmete.
Die winzige Wasseransammlung kämpfte tapfer gegen Ashğnås
Hitze, und doch raubte ihm das Gestirn mit jeder verstreichenden
Sekunde seine Atome, zerstreute die Struktur des Tropfens in ihre
elementaren Bestandteile, übergab die kleine Form der großen,
hielt sie in Bewegung, seine Hitze als Treibstoff des Lebens auf
diesem Planeten und das Wasser als seine Substanz.
Im Schweiß der Drachinen, als Geschöpfe, die einst den Ozeanen
entstiegen waren, lebten die Hådjina. Wässrige Sphären waren
ein bevorzugtes Milieu für ein Wesen ihrer Art, bestand es
doch zu über siebzig Prozent aus Wasser, wenn es feststoffliche
Strukturen annahm.
Wie hatte sich nur die Trennung einschleichen können zwischen
den Menschen und ihrem Planeten? Einte sie doch das Wasser in
ihren Leibern und auf Hådjas Flügeln, mit ihren vielen Erhebungen,
Verhärtungen und Krusten, welche die Unwissenden Kontinente
nannten.
Diese paar Erdbrocken, was konnten sie dem Schweiß auf den
Flügeln schon entgegensetzen?
Die Welt bestand aus Wasser.
Wasser in allen Formen.
Wasser in der Luft, in der Erde, in den Körpern, sprudelnd, reißend,
gluckernd, stille Seen im Mondenschein, sanfter Regen, frischer
Tau; Speichel, Sekrete, überkochendes Nudelwasser, Gebräue,
ein einziger fortwährender Kreislauf, begonnen im wässrigen Cervixschleim

Ein Element, das sie alle einte.
Wie nur, wie hatte der Mensch vergessen können, woher er kam,
wie, in Anbetracht dieser elementaren Übermacht?, überlegte der
dunkelhaarige Magier.
Der winzige Tropfen erreichte mit letzter Kraft Exagons Schlüsselbein,
dort löste er sich endgültig auf. Ihm folgten die winzigen
Moleküle, die aus den Poren der rotbraunen Haut des Mataké traten.
Sie verschwanden in der Luft und kühlten auf diese Weise seinen
angestrengten Körper, in welchem das Blut warm und dicht
durch seine Muskeln pulste.
mez’zada veda – das Rote Lebenswasser, wie ein Mísíthaén sagen
würde.
Der dunkelhäutige Mann mit den rotbraunen Augen strich gedankenverloren
an seinen Unterarmen auf und ab, sein Blick war
in die Ferne gerichtet und sein Geist hatte sich emporgeschwungen
ins morphogenetische Feld.
Es war ein wundervoller Morgen gewesen, Ashğnå in all seiner
Kraft am Horizont erblühen zu sehen, umschmeichelt von sanften
Brisen, zeitlos paradiesisch. Doch hinter der Oberfläche der
zarten, in Dunst getauchten Realität des hawaiianischen Eilandes
verbarg sich etwas Tieferes.
Der alte Mataké hatte an diesem Morgen lange trainiert. Zunächst
alleine und dann mit einigen seiner älteren Schüler, die nach ihren
morgendlichen Parcours-Übungen zu ihm gestoßen waren. Eine
Weile hatte ihn das abgelenkt, es hatte seinen Geist im Jetzt verankert,
da sich sein Körper schnell und gezielt bewegt hatte, während
er mit den jungen Matak komplizierte Figuren geübt hatte.
Obwohl Exagon nun bewegungslos auf dem großen, runden Felsen
neben dem sandigen Turnierplatz stand und seinen Körper
Ashğnå entgegenreckte, kämpfte er weiterhin still mit aller Kraft,
die er besaß. Sein Wesen drängte sich vorwärts in einer stetig ruhelosen
Bewegung, derweil sich sein Geist losgekoppelt hatte.
Exagon hatte in den vergangenen Stunden begriffen, dass es die
Angst um seinen Neffen war, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.
Und es war die Angst um Chésuma, die Frau, die an Mìçhaèles
Seite hätte sein sollen, jetzt aber schwer verletzt in einer Zelle auf
ihr Todesurteil wartete.
Die Nachrichten über Chésumas Inhaftierung hatten Ichìndyll
vor drei Tagen erreicht, und Exagon verstand nach wie vor nicht,
wie ein Agent der ISA sie hatte besiegen können. Er selbst hatte
die junge Frau ausgebildet, er kannte ihre Fähigkeiten und ihre
unglaubliche Begabung für das Matak. Kein normaler Mensch
wäre ihr gewachsen gewesen. Doch einer – einer allein! – hatte
sie besiegt. Es wollte einfach nicht in Exagons Kopf. An den vorangegangenen
Tagen hatte der alte Meister deshalb wenig gegessen
und länger als üblich meditiert, um Antworten auf dieses Rätsel
zu finden.
Er war kein ausgebildeter Seher, doch ein Magier wie er spürte
einen anderen Maźụro instinktiv …
Er konnte diesem Gefühl in seinen Knochen trauen, und deshalb
hatte er in der vergangenen Nacht kaum geschlafen und in jenen
stillen Stunden versucht, mehr Informationen zu diesem anderen
Magier abzurufen. Doch sie waren verborgen. Kein Quäntchen Information
hatte sich Exagon offenbart, denn die schlafende Drachin
hatte nichts preisgegeben.
Seine Gefährtin Nèffèsin war ihrerseits im Tempel gewesen, und
das Bett hatte sich kalt und befremdlich angefühlt, so dass auch er
keinen Anlass gespürt hatte, dort länger zu verweilen, um die Decke
anzustarren. Die Botschafterin Khýsírías harrte ebenfalls aufmerksam
der nahenden Dinge, und Exagon spürte, dass es gut war,
sie darin unbehelligt zu lassen. Dennoch hatte er sie in der Nacht
vermisst, war es ihm doch zur Gewohnheit geworden, nachts über
Stunden in ihrer Nähe zu sein, da sie tagsüber oft wenig Zeit füreinander
hatten.
Vielleicht war dieser neuartige Zeitabschnitt in der Geschichte
der Welt eine Phase der Entbehrungen, überlegte der Mataké, und
wieder kroch kalte Angst durch alle Poren seiner Haut. Obwohl
die Nächte auf Kaua’i warm und angenehm waren, hatte er auch
in der vergangenen Nacht gefröstelt, immer dann, wenn sich seine
Gedanken in die Richtung der vor ihm liegenden Zukunft streckten.
Die Meditation dieser Nacht hatte zwar das Geheimnis und den
anderen Magier nicht enthüllen können, aber sie hatte ihm dennoch
viel offenbart, offensichtlich zu viel. Sein Wesen war noch
nicht in der Lage, all diese Informationen richtig zu integrieren.
Eine lange Zeit hatte er die teilweise konfusen Eindrücke aus
den ätherischen Ebenen auf sich wirken lassen, und nach wie vor
erschreckte es ihn, was er dort vorgefunden hatte.
Gigantische Wirbel aus Magie, Zentren großer Macht und wahrer
maźụroner Potenz bewegten sich energisch in Loomâkriah.
Mit anderen Worten: Magier. Nicht nur dieser eine, den er nicht
genauer sehen konnte. Nein, es waren viele.
Dort draußen waren mächtige Magier am Werk, und Exagon, einst
als ein solcher auf Tèrrèz geweiht, konnte im Wirrwarr der Gegenwart ihre Intentionen nicht richtig erkennen. Das machte ihm seit der vergangenen Nacht zu schaffen.
Schuld. Er fühlte sich in Schuld eingehüllt, denn seit diesen durchwachten Stunden fragte Exagon sich, weshalb er diese maźụronen Wirbel nie zuvor bemerkt hatte. Wie hatte er sie übersehen können? Waren sie doch so gewaltig!
War es das geruhsame Leben in Ichìndyll, die Sicherheit, die
ihnen durch die Raum-Zeit-Verschiebung des Ortes zuteil wurde?
War es eine schleichende Trägheit, die ihn mit den Jahren
absorbiert und davon abgehalten hatte, seiner Verpflichtung als
Maźụro aufrichtig und verantwortungsvoll nachzukommen?
Er hatte stets angenommen, der Einzige mit einem so starken und
direkten Kanal zu sein, und nichts hatte ihn je – von Mìçaèle einmal
abgesehen – animiert, diese Überzeugung in Frage zu stellen.
Er hatte es keinem Hådjai zugetraut, solch gewaltige Kräfte in und
um sich vereinen zu können. Diesem Glauben verfallen hatte er
sich in Sicherheit gewiegt und war mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass die geistige Welt der Menschen zu gering entwickelt war, um einen Magier mit solcher Macht hervorzubringen.
Er hatte sich geirrt.
Dort draußen waren mächtige Magier. Magier seines Niveaus.
Vielleicht waren sie keine Hådjai, aber das machte es im Grunde
nur schlimmer, denn dann hätte er sie bemerken müssen.
Als extraterrestrisches Wesen hatte er einen sehr feinen Sensor
für Energien und Lebensformen, die nicht von der Erde stammten.
Doch er war über Jahrzehnte erblindet gewesen, von einer Art
Naivität umfangen, die nun in Form der eisenharten Wahrheitskeule
Mal um Mal auf ihn herniederfuhr, wenn er daran dachte,
was dort draußen in der Welt geschah.
Exagon hatte erkannt, dass er jahrelang weggeschaut hatte.
Ein Frevel der besonderen Art.
Deshalb trainierte er, seit er vor Sonnenaufgang aufgestanden
war, um diese schauderhafte Einsicht endlich loszuwerden.
Doch sie klebte an ihm wie der Schweiß auf seiner Haut. Unnachgiebig und untrennbar mit ihm verwachsen, da sie ihren Ursprung tief in seinem Wesen hatte.
Er als Magier hatte seine Pflicht vernachlässigt. Und nun, da
die Welt bebte wie selten zuvor, war er unwissend wie ein Neugeborenes, soeben erst erwacht in einer Realität, deren Bezug ihm entglitten war; ahnungslos angesichts dieser massiven Veränderungen, die vor sich gegangen waren, fern seines Sehens, ihn verhöhnend in seiner leutseligen Geruhsamkeit.
Schuld! Exagon fühlte selten derartige Schuld, denn sie war
als Energie oft nicht klar definierbar und nur ein verwaschenes
Konstrukt einer ungelösten Emotion. Aber an diesem Morgen
war sie ihm wie eine zweite Haut, umfasste ihn nahtlos und vollkommen, wie die maźụrone Kraft, die einst die Eizelle im Bauch
seiner Mutter durchdrungen hatte. In das Maźụro wurde man
geboren. Zwar konnte man es auch erlernen und trainieren, doch
wahre durchdringende Macht entsprang nur der natürlichen
Gabe. Seit gestern war er nicht länger allein damit, und das erschütterte den alten Mataké mehr, als er zunächst angenommen
hatte.
Exagon hatte unzählige Formeln gelernt, Beschwörungen, die
heilige Geometrie des Körpers, Bewegungen mit der Hand, die
ein ganzes System in Unruhe versetzen konnten.
Doch dies war nicht wichtig, es war nur eine Sprache, die man
als Magier erlernte. Relevant war, ob das Ewige Leben, Mòåí, den
Maźụro als den Kanal wiedererkannte und akzeptierte, als den
es ihn oder sie einstmals auserkoren hatte. Wurde einem Maźụro
durch eine Initiation diese Resonanz zuteil, gab es für ihn oder
sie kaum mehr Grenzen hinsichtlich des Schöpfens oder Vernichtens.
Diese Befugnis war für jedes Djaénèda – ob nun Mensch oder
Makanæ – eine ultimative Herausforderung, denn Magie war die
höchste Form, dem Ganzen zu dienen, und je größer diese Kraft
war, umso mehr Demut musste man ihr entgegenbringen.
Ahmædālā – Lieben und Dienen, das oberste Gebot eines jeden
Maźụro. Doch seine Ahnung sagte Exagon, dass das, was
dort draußen in den Wirbeln geschah, zu wild und zu frei war,
um sich diesem Gebot zu beugen.
Womöglich war er alt und engstirnig geworden, überlegte Exagon,
doch diese Paradigmen-Verletzung störte und verunsicherte
ihn in den Tiefen seines Wesens. Zwar hatte er auch auf Tèrrèz
Umbrüche erlebt – Systeme transformierten sich ständig –,
doch an vorderster Front in diese Dynamik eingebunden zu sein,
schien ihm für sein Alter ein bisschen viel.
Exagon war seit frühen Kindesbeinen in Matak und sehr bald
auch in Maźụrok geschult worden; sein Vater war einer der großen
Krieger seines Stammes gewesen, und die genaue Wahrnehmung
bezüglich gegenläufiger Energien, die umfassende Konflikte nach
sich zogen, war so sehr Teil von Exagon wie das Atmen. Und somit
wäre es allenfalls töricht, den sich anbahnenden Konflikt länger
zu leugnen oder auch nur zu versuchen, ihn zu ignorieren.
Seitdem Exagon sich zu seiner Ruhepause auf den großen warmen
Stein zurückgezogen hatte, sagte ihm seine Wahrnehmung,
dass ein Unheil sich drohend und unaufhaltsam näherte.
Und obwohl der Tempelbezirk auf Kaua’i dem irdischen Raum-
Zeit-Kontinuum entrückt war, wusste der alte Meister, dass das
Unheil diesen Ort erfassen würde, wenn sie nicht bald einen Weg
fanden, mit der derzeitigen Entwicklung konstruktiv umzugehen.
Plötzlich spürte er eine minimale Bewegung hinter sich.
Er fuhr gerade noch rechtzeitig herum, da trafen die beiden Klingen
auch schon gleißend wie Kometen aufeinander.
Lylìth parierte wie eine Gazelle; der nächste Streich ihres Vaters
ging weit vorbei. Sie warf ihm ein schelmisches Lachen zu
und sprang von dem großen Stein hinunter, wohl wissend, dass
er ihr folgen würde.
Als er einige Schritte neben ihr im warmen Sand landete, ging
sie blitzschnell in die Offensive. Natürlich konnte er ihre Schläge
parieren, doch es war längst abzusehen, dass hier keiner den
anderen entwaffnen würde, wenigstens nicht, solange beide bei
Bewusstsein waren.
Exagon erfüllte es mit tiefer Freude und Dankbarkeit, seine unglaublich schöne und talentierte Tochter zu beobachten.
Beide umkreisten einander aufmerksam.
»Gibt es Neuigkeiten aus Seben Igib?« wollte die schlanke, platinblonde Frau nun wissen und schüttelte ihren leuchtenden Pony
kokett zur Seite.
Sie war für zwei Tage unten bei den Einheimischen in Waimea
gewesen und war deshalb nicht auf dem Laufenden.
Exagon ließ seine Klinge kurÿa wie einen Morgenstern kreisen.
»Sie wollen herkommen«, sagte er dann und ging in eine flinke
Attacke, doch seine Tochter schmetterte ihn lachend ab.
Himmel, sie hat wirklich Kraft für vier, dachte der stolze Vater
und taxierte sie gespannt.
»Ich finde das alles ziemlich merkwürdig«, gestand sie, und ihre
magentafarbenen Augen funkelten durch ihre beinahe weißen
Haarsträhnen hindurch. Pfeilschnell kam sie heran und vollführte
ein Ablenkungsmanöver mit einem abrupten Richtungswechsel,
woraufhin Exagon bei der Abwehr ihres Streichs tatsächlich etwas
aus dem Gleichgewicht geriet.
»Wie meinst du das?«
Ihrem nächsten Schlag wich er mit einem Sprung aus, sie taxierten
einander erneut und Lylìth sagte: »Ich meine damit, ich würde
am liebsten gehen und Chésuma aus diesem Arrest rausholen. Was
für ein Irrsinn ist es, dass wir hier nur herumsitzen?«
Sie vollführte drei elegante Züge, doch da Exagon diesen Lauf
von Lylìth kannte, vereitelte er den vierten Streich, sodass sie aus
dem Gleichgewicht kam und sich rücklings über den Boden wegdrehen musste.
»Wieso? Du liegst doch«, ulkte Exagon, Bezug auf Lylìths Protest
nehmend, und zog seine Klinge präzise durch die Luft, um ihren
blitzschnellen Angriff zu blocken. Doch Lylìth war zu schnell,
sie hebelte ihren Vater geschickt aus und dieser konnte sich nur
mit einem gewagten Sprungmanöver aus der Reichweite ihres sirrenden Schwertes retten. Nachdem er zwei Meter weiter wieder
zum Stehen kam, nickte er anerkennend. Dann griff er wieder unvermittelt an. Lylìth blockte die Attacke etwas zu salopp und Exagons Klinge rutschte kreischend über die ihre. Lylìth gab nach
und beide taumelten lachend durch den warmen Sand.
Exagon kniff sie schließlich völlig außerhalb der erlernten Disziplin
in die Seite, so dass Lylìth vor Überraschung quiekte und
schließlich stolperte. Ungeachtet ihres Protests gegen sein unsportliches Verhalten stürzte Exagon sich ihr hinterher, und beide
kullerten prustend und schnaufend über den Boden.
Da Lylìth unter ihrem Vater rollte und sich abstützen musste, ließ
sie ihr Schwert, Akîané, los und schleuderte ihren Vater mit voller
Kraft von sich weg.
Sand spritzte auf und das Quarz funkelte im Licht des jungen
Tages.
Als sie seinem Blick begegnete, warf er ebenfalls sein Schwert
weg und schob herausfordernd sein Kinn nach vorne.
Die junge Frau kam geschmeidig auf die Beine und lachte.
»Okay, du hast es so gewollt.«
Über das ganze Gesicht strahlend ging sie in Position. Sie war
eine brillante Matakín, und all ihre Lebensfreude schien um sie
herum aufzuleuchten und zu explodieren, wie ein ungezügelter
Lichtpuls. Exagon wollte vor Liebe überlaufen.
Im nächsten Moment schon wirbelten beide herum und Exagon
hatte wie so oft seine liebe Mühe, mit Lylìths Geschwindigkeit
mitzuhalten. Sie war im Nahkampf nahezu unschlagbar.
»Ich meine das völlig ernst«, schnaufte sie, während sie sich mit
ihrem Vater auf dem Boden balgte. »Warum korrespondieren wir so
viel mit den Sèbis? Ihre beiden Probanden haben nichts erreicht.«
Sie wand sich aus seinem Griff und machte eine Radwende über
ihn hinweg. »Chésuma ist eine von uns, lass sie uns selbst retten!«
Exagon packte ihr Bein und schmiss sie auf den Boden zurück,
so dass sie überrascht aufschrie.
Ihre familiären Übungsstunden hatten meist nichts mit dem traditionellen Matak zu tun, das Exagon seiner Tochter beigebracht
hatte. Vielmehr war es ein oft wildes, ruppiges, auch mal elegantes
Kräftemessen nach eigener Fasson, was die beiden Matak betrieben,
vorrangig, um ihren Spaß dabei zu haben, was der traditionellen
Disziplin eher abging, die auf pure Effektivität ausgelegt war.
»Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir hüten die Bibliotheken. Wir
sind nicht ihre Armee und schon gar nicht irgendwelche Revolutionäre, die die Welt retten, Lylìth!« schnaufte Exagon, setzte ihr nach und sprach derweil weiter: »Was Chésuma macht, ist ganz
alleine ihre Sache.«
Lylìth kräuselte ihre hellen Augenbrauen.
»Schau dir deine Schwester Nėham an. Sie macht es genau
richtig«, gab Exagon deshalb zu bedenken. Doch zur Antwort
drehte sie sich gegen ihn und schmiss ihn mit ihrem ganzen Gewicht
auf die Seite, dass er aufkeuchte.
»Nėham ist ’ne faule Nudel, und Nichtstun kommt ihr eben entgegen
«, feixte die ältere Schwester schnaufend und verpasste ihrem
Vater ein paar wohlgezielte Schläge, denen er nur zum Teil
ausweichen konnte.
»Es ist trotzdem unfair!« protestierte sie derweil grinsend. »Einfach
nichts machen zu können.«
Sie stürzte sich auf ihn, und beide vollführten eine gekonnte
Rolle auf dem warmen Sandplatz.
»Na, kannst du doch«, gab er zurück und kam auf die Beine, zog
sie mit sich, um sie gleich wieder umzuwerfen. »Nur nicht so!«
Lylìth quiekte vergnügt und fegte ihn augenblicklich um. Als sie
sich erneut auf ihn schmiss, leistete er keine Gegenwehr, sondern
schlang die Arme um sie, woraufhin Lylìth innehielt.
Ein Schweißtropfen fiel von ihrer Wange auf sein feuchtes Gesicht
hinab, und sie rang lächelnd nach Atem.
»Warum sagt Lŏur nicht, was sie weiß?« wollte sie von ihm wissen,
als sei er Nèffèsins Anwalt und wüsste im Detail, was im Kopf
und im Herzen der Drachenpriesterin vor sich ging.
»Keine Ahnung«, gab er zu und begann, den Sand von Lylìths
Rücken zu wischen. »Sie wird schon wissen, was sie tut.«
»Ahma ninijæ arit ha! – Liebe macht echt blind!« bescheinigte
die blonde Matakín und rappelte sich hoch. »Also was machen
wir jetzt mit Seben Igib?«
Exagon ließ sich von ihr auf die Füße ziehen und sah sie prüfend
an. »Ich sehe momentan keinen konkreten Anlass für ihren
Besuch. Ich werde Yamâja anrufen und ihr sagen, dass ich es für
effizienter halte, wenn sie dort vor Ort bleiben, um ihre Probanden
zu beobachten. Vorerst.«
Lylìth nickte und sammelte dann schweigend die beiden schlanken,
silbrig-goldenen Schwerter ein, die Exagon von Tèrrèz mitgebracht
hatte.
»Jemand hat Chésuma bei der ISA verprügelt«, sagte sie im Herantreten.
Exagon hob ruckartig den Kopf. »Was? Seit wann weißt
du das?«
Lylìth blickte weg, um den Zorn nicht zu sehr in Richtung ihres
Vaters zu schicken, dann antwortete sie, und ihre Stimme klang
angestrengt dabei: »Seit heute morgen. Lõidín hat es mir gesagt,
sie weiß es von Lysa.«
Exagon verstand plötzlich, wieso Lylìth unbedingt handeln wollte,
denn diese Nachricht war kaum auszuhalten. Er fühlte Zweifel heraufziehen, die Schuld puckerte wild in seinen Schläfen.
Er musterte seine Tochter aufmerksam, teilte still ihren Schmerz.
Chésuma war Lylìth wie eine jüngere Schwester gewesen, und
die Ältere liebte sie sehr. Er äußerte seinen Gedanken, während
er das Profil seiner Tochter musterte: »Du weißt, dass dich niemand
zwingt, hier zu bleiben, Lylìth.«
Die Matakín nickte. In wenigen Tagen war Neumond, und bis
dahin war es unklug, eine solch weitreichende Entscheidung zu
treffen.
»Was, wenn Zuee sich geirrt hat?« fragte sie plötzlich unvermittelt.
Ihr Vater sah sie noch einen Moment lang prüfend von der
Seite an, dann schüttelte er den Kopf.
»Ich weiß es nicht.«
Lylìth wirkte ob dieser Offenbarung seltsam verzweifelt, deshalb
sprach er leise weiter: »Ich meine, ich weiß nicht, wo Irrtum beginnt
und ob es ihn überhaupt gibt. Chésuma hat einfach eine Entscheidung getroffen, deren Resultate andere sind, als sie sich erhofft hatte …«
Exagon wischte sich behutsam den Sand von seinen Unterarmen.
»Ich glaube nicht, dass irren das richtige Wort dafür ist.«
»Das stimmt, Zuee war sehr mutig, allein deshalb –«
Lylìth stockte, als sie den eindringlichen Blick ihres Vaters bemerkte.
»Wir können nicht zulassen, dass sie Zuee umbringen«, vollendete
sie schließlich den Satz.
Exagon blickte sie nicht an. Er schloss für einen Moment die Augen
und versuchte zu erfassen, was es war, das sein Kind antrieb,
sich zur Retterin emporzuschwingen.
Doch nach einigen stillen Minuten wusste Exagon vor allem eins:
Er wollte ebenso wenig, dass Lylìth sich auf diesen gefährlichen
Pfad begab, wie er damals dafür gewesen war, dass Chésuma diesen
Weg ging.
Er verstand nicht, was diese jungen Frauen trieb, und womöglich
musste er das auch nicht. Eine Weile betrachtete er voll Sanftmut
seine älteste hådjaische Tochter.
Sie hielt den Kopf stolz erhoben – sein Kind und doch auch schon
selbst eine Mutter. Auf Lylìths Stirn klebten Strähnen ihres weißblonden, buschigen Ponys, zwischen denen das Muttermal auf ihrer Stirn hindurchblitzte. Dieses Zeichen, das Lylìth von Geburt an
trug, kennzeichnete sie als erstes Kind der Verbindung von Hådja
und Tèrrèz. In feinen, dunkelbraunen Linien hob es sich von ihrer
ansonsten mandelfarbenen Haut ab, wie eine liebevolle, sehr feine
Kalligraphie, welche die Freude zweier Wesen, einander endlich
entdeckt zu haben, ausdrückte.
Die junge Matakín war ihrer Mutter äußerlich sehr ähnlich. Ihr
Haar war weißgolden wie Nèffèsins Haut.
Lylìth trug es meist zu fünf Zöpfen geflochten, und ihre funkelnden
Augen hatten denselben dunklen Magenta-Ton wie das Haar der Drachenpriesterin. Sie war eine sehr ungewöhnliche Erscheinung, und allein deshalb schon bezweifelte der besorgte Vater, dass ihre Mission eine gute Idee war. Denn »draußen« in der Welt und besonders in der GCA würde Lylìth auffallen wie eine rote Papageienfeder im grünen Farn; sofern sie sich nicht aufwendig tarnte, indem sie das Zeichen auf ihrer Stirn verdeckte und Kontaktlinsen trug.
Auf Tèrrèz hätte niemand an ihrer ungewöhnlichen Erscheinung
Anstoß genommen, obwohl die réta in der Regel dunkelhaarig
und grün- oder braunäugig waren. Sie waren wie viele Völker im
Chõloai vertraut mit der universellen Vielfalt der Schöpfung und
sie ehrten sie durch die Akzeptanz allem Unbekannten oder Ungewöhnlichen gegenüber.
Exagon hatte besonders Lylìth viel von Tèrrèz und ihrer Herkunft
erzählt, denn sie war diejenige, die oft darüber sprach, eines Tages dorthin reisen zu wollen, um jenen anderen Teil ihrer Familie kennenzulernen. Und jedes Mal, wenn Exagon das Zeichen zwischen ihren Augenbrauen sah oder sie darüber sprachen, dachte er an seine ursprüngliche Heimat, und er fragte sich, ob er mit ihr gehen würde.
Die Drachin Tèrrèz war Hådja in ihrer Beschaffenheit viel ähnlicher
als die Zwillinge oder gar ara’Gat. Tèrrèz gaigat’Kimbë war nur unbedeutend größer als Hådja, besaß ebenfalls nur einen Mond, nuriell, und auch die Lebensformen auf ihr entwickelten sich vergleichsweise langsam und eher undramatisch, deshalb vergingen oft viele lange Zyklen, bis neue Technologien sich etablieren konnten.
Das Leben auf der kleinen Ipuszin war einfach strukturiert, obwohl
sie an das Chõm’Zụ-Netz des Mísíth und somit des gesamten Chõloai angeschlossen war.
Doch die meisten Stämme auf Tèrrèz waren nicht sonderlich interessiert am daikuna; sie lebten in ihrer Friedfertigkeit und Einfachheit auf den mehr als sechshundert großen und kleinen Inseln, die nebst dem einen großen flachen Ozean, au’Ta, in dem sie alle lagen, den Lebensraum für alle Arten von Ipu’Szina und Tèrrèzín
darstellten. Die große Hauptinsel, dračjia, war bei weitem das fortschrittlichste Land auf Tèrrèz. Exagon erinnerte sich noch deutlich an den Raumhafen in tellezcoi, den er als Heranwachsender einmal besucht hatte.
Himmel, was hatte er da gestaunt!
Wenn ihm zur damaligen Zeit jemand gesagt hätte, dass er eines
Tages über ūbūb’Li, die kleine Chõm’Zụ im Tutena’Rarekan, dem einzigen Gebirge auf Tèrrèz, in eine andere Ebene des Kosmos
auswandern würde, hätte er demjenigen wahrscheinlich gegen
das Schienbein getreten.
Der junge Exagon hatte sich zur damaligen Zeit nicht einmal
im Ansatz vorstellen können, jemals von seinem Volk getrennt
zu sein.
Die Réta, sein Stamm, seine Sippe, seine Familie, waren für den
Tèrrèzín wie die Erweiterung seines eigenen Körpers, denn nahezu
alles geschah im Verbund. Wenngleich er durch Maźụro schon früh
in seinem Leben hatte erkennen müssen, dass er anders war, weil
er unter einem der Siegel des gė ins Leben getreten war, so blieb
er doch immer Teil des sozialen Organismus der Réta. Er nahm
durch das Maźụro lediglich einen besonderen Platz in der  Gemeinschaft ein. Er hatte eine wichtige Aufgabe, denn Tèrrèz hatte ihm einen Zugang zu ihrer Macht zur Verfügung gestellt, damit er seinem Volk dienen konnte.
Den ersten Teil seiner Jugend hatte Exagon dennoch damit zugebracht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um vor dieser Verantwortung Reißaus zu nehmen. Doch wie sollte er das wegschieben, worauf er mit beiden Füßen stand?
Seit er sich erinnern konnte, sprach Tèrrèz zu ihm; so deutlich
und so direkt, dass er seinen Widerstand schließlich hatte aufgeben
müssen. An jenem Tag hatte sein Stamm ein spontanes Fest
veranstaltet, hatten sie doch Mond um Mond mit ihm gelitten und
gehadert.
Exagon hatte sich am nächsten Tag bei seiner Tante und seinem
Onkel in die Lehre begeben und war schließlich nach einer Reihe
Initiationen der nächste Stammesmagier geworden. Obwohl die
magische Disziplin viel Meditation und Für-sich-Sein erforderte,
hatte er recht bald eine Familie gegründet und drei wunderbare
Kinder in die Welt gesetzt, von denen jedoch keines unter dem
Siegel des Maźụro geboren worden war.
Nur ein Kind, sein Neffe Cåret, entwickelte sich mit eben derselben
Intensität, wie er es einst als Junge getan hatte. Doch Exagon
war nur wenige Male mit Cårets Mutter in kån zusammengewesen,
und Aụrora stritt es obendrein vehement ab, dass Cåret sein Sohn
war. Exagon hätte das als Maźụro zwar sehr leicht nachprüfen
können, doch ein solches Vorgehen verletzte die Gesetze der Magie,
denen er mit seinem Blut und seinem Leben verschrieben war.
Nichts durfte erzwungen werden, und schon gar nicht aus einer
Art Selbstsüchtigkeit heraus. Wenn das Rätsel um die wahre Vaterschaft für Cåret ein Geheimnis bleiben sollte, dann galt es, nicht
darin herumzubohren. Das waren dann genau jene Momente, in
denen sich jeder große Maźụro eingestand, dass es unheimlich
schwer war, der Versuchung zu widerstehen.
Viel Macht erforderte ein Vielfaches mehr an Verantwortung.
Exagon hatte sehr früh gelernt, sie zu übernehmen. Er konnte es
sich anders nicht mehr vorstellen; er kannte die Versuchung und
wusste, wie er sie bändigen konnte. Auch Cåret war diesen Weg
erfolgreich gegangen und hatte seine Herausforderungen gemeistert,
doch Cårets Sohn …
Der alte Matak atmete langsam aus und ließ den schmerzhaften
Gedanken mit dem sanften Mistral, der über Kaua’i strich, davonziehen.
Lylìth musterte ihn aufmerksam. Sie konnte genau sehen, wenn
er mit seinem Herzen bei Tèrrèz und seinem … ihrem Volk war.
Nun schenkte Exagon ihr ein warmes Lächeln. Sie trat heran
und legte ihre Wange an die seine. ~Mìçhaèle?~ fragte sie zärtlich
über ihren Geist und ihr Vater nickte.
Er war so dankbar dafür, dass er mit diesem Schmerz nicht allein
war. Alle Eingeweihten in Ichìndyll teilten ihn. Sie teilten auch
die Meinung, dass Exagon richtig entschieden hatte, als er Cårets
Sohn aus ihrem Feld verbannt hatte. Doch der tèrrèzinische Magier
wusste, dass es nur eine Notlösung gewesen war, zu der er in jenen
wenigen entscheidenden Sekunden hatte greifen müssen. Er hatte
sich für Chésuma und gegen Mìçhaèle entschieden, doch es war
ein Entschluss, auf den er nach wie vor nicht ohne Reue blickte.
Zwar wusste er, dass ihn die dunkle Energie der Schuld nirgends
hinführen würde – sie war einfach nur ein Block! –, dennoch konnte
Exagon sie weder wegschieben noch ignorieren. Es gab einen Unterschied zwischen einer persönlichen Emotion – gewissermaßen
einem Problem im eigenen Feld, das man sich aus irgendwelchen
Gründen selbst kreiert hatte – und der Tatsache, dass man mit seinem Handeln ein größeres Prinzip gestört hatte.
Genau das war der Fall, und es erzeugte jene spezielle Art der
Schuld, die im Gegensatz zur moralischen Schuld tiefer und umfassender war. Ein Gefühl gleich einem Loch im Inneren, ein hohler Bereich an einer Stelle im Herzen; kalt und leer, wie ausgeschabt. Dort konnte das Echo der energetischen Schuld immerfort widerhallen, bis etwas an die Stelle der Leere trat.
Nèffèsin, die darum als Einzige im Detail wusste, sagte dazu stets, dass es eine normale Reaktion gewesen sei.
»Vergiss nicht: Du bist ein fühlendes Wesen, Nua. Du hast getan,
was möglich war; alles, was dein Herz bereit war zu tun.«
Er war damals, vor Jahren, in jenem Augenblick allergrößter Gefahr,
eingeschritten und hatte Chésuma vor einem schrecklichen
Unheil bewahrt. Doch er war damit gegen Mìçhaèle vorgegangen
und hatte ihn mit nahezu ungerechtfertigter Wucht in die Verbannung geschmettert, wohl wissend, dass er ihn eigentlich hätte besiegen müssen, um ihm hernach die Möglichkeit zu geben, sich
wieder zu integrieren.
»Ich hatte solche Angst, ihm zu schaden. Er war damals nicht er
selbst, Lŏur«, pflegte er deshalb zu antworten. »Doch ich hätte es
tun müssen. Ich hätte einen anderen Weg finden müssen, der ihn
nicht isolieren würde. Es war meine Verantwortung. Mìçhaèle ist
Teil meiner Familie.«
Seine Gefährtin wusste, dass ihm dieser Umstand besonders zu
schaffen machte, denn im Grunde war er damit nicht nur gegen
Mìçhaèle, sondern auch gegen sich selbst vorgegangen.
Es war ohne Zweifel ein schmaler Grat, doch die Drachenpriesterin
lebte in dem Wissen, dass sich das Ewige Leben oft solch schmale Brücken suchte, um sich auszudrücken. Denn jenseits eines solch schmerzlich engen Nadelöhrs lagen meist unerforschte Schöpfungsgärten; Paradiese, die man unter normalen Umständen
niemals erreichen könnte.
Nèffèsin ließ Exagon dies immer wieder fühlen, doch es hatte
ihn in den vergangenen Jahren nur in eine Art stabile Ruhe mit
dieser Tatsache gebracht. Energetisch jedoch bestand weiterhin
das Loch.
In diesem Augenblick erkannte der alte Matak plötzlich, dass
Lylìths Überlegung, Chésuma zu retten, im Grunde sein Begehr
war. Ausdruck seines Zweifels und seiner Unruhe. Kinder nahmen
oft intuitiv das Los ihrer Eltern, wenn diese es ihnen nicht
verwehrten. Doch das wollte er; er wollte seine Tochter schützen,
hatte er doch bei seinem Großneffen derart versagt. Behutsam
strich er Lylìths nasse Haarsträhnen zur Seite und küsste das
Mal auf ihrer Stirn.
»Lass uns noch etwas warten. Das Tor, durch welches wir gehen
werden, wird sich bald zeigen«, flüsterte er mehr im Geist
als mit Worten.
In der jungen Frau war eine sanfte Zustimmung, als sie sich wie
ein junges Kind an ihn drückte, froh, dass diese Last von ihrer
Seele genommen und dorthin zurückgegangen war, wo sie hingehörte.
In die Hände eines Magiers.

(…)

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